Wenn die Sezession anno 2003 in den Hallen auf der Darmstädter Mathildenhöhe
ihre 32. Jahresausstellung zeigt, weiß diese Zählziffer so
recht eigentlich kaum einer »auf die Reihe« zu bringen. Denn
rund vierundachtzig Jahre sind vergangen, seit am 8. Juni 1919 ein kleiner
Haufen sich als radikal bezeichnender Künstler, darunter die Maler
Max Beckmann und Ludwig Meidner, unter dem Anspruch, »die längst
erforderliche Reinigung von bourgeoiser Verschmutzung zu vollziehen«,
die Darmstädter Sezession aus der Taufe hob. Und schon ein Vierteljahr
später präsentierten sie eine umfangreiche erste Ausstellung
in der damaligen Kunsthalle am Rheintor. Sollte es demzufolge seitdem
nur 31 Ausstellungen gegeben haben? Natürlich nicht.
Ludwig Meidner
Max Beckmann
Ganz im Gegenteil: Es gab schon in der Frühzeit der Sezession ein
ausgesprochen blühendes Ausstellungsgeschehen, das erst mit dem Aufkommen
des Nationalsozialismus in den dreißiger Jahren seinen Niedergang
fand. Etliche der Mitglieder blieben damals in Darmstadt, andere emigrierten,
gingen in den Widerstand oder ganz einfach nur »in Deckung«,
wieder andere kamen ins KZ oder wurden – wie Theodor Haubach –
nach dem Attentat auf Hitler hingerichtet. Aus der nirgendwo belegten
Behauptung heraus, die Nazis hätten die Sezession verboten gehabt,
gründete man jedenfalls im Herbst des Jahres 1945 die Sezession kurzerhand
neu und so resultiert die sonderbare Ziffer zum einen aus der Tatsache,
dass man nach dem II. Weltkrieg neu zu rechnen begann und zum zweiten
daraus, dass man neben zahlreichen Sonderausstellungen bis zum heutigen
Tage nur mehr die »offiziellen« Jahresschauen der Künstlervereinigung
zählte, deren Mitglieder heute weit über Deutschland verstreut
sind, allein die in Berlin ansässigen machen heute mehr als 20% aller
Mitglieder aus.