Geboren 1969 in Speyer, lebt und arbeitet in Speyer
Mitglied der Sezession seit 2008, als er den Preis der Sezession für junge Bildhauer erhielt
FÜNFEINHALB
Mag sein, dass es Künstler gibt, die sich
an der ratlosen Sprachlosigkeit und den
irritierten Blicken derer weiden, die ihre
Werke betrachten. Holger Grimm gehört
nicht zu ihnen. Für ihn ist ein Kunstwerk
nichts, das sich, gegen jedes Verstehen-
Wollen gepanzert, in hermetischer Isolation
gefällt, sondern ein Verständigungsmittel,
ein Annäherungsmittel an eine oft genug
unverständliche und sich entziehende Welt.
Mit diesem Ja zum Kunstwerk als Teil eines
kommunikativen Prozesses ist freilich nicht
das plakative Formulieren leicht transportabler
Botschaften gemeint.
Das zeigt sich bereits am Titel. «Fünfeinhalb»
hat er sein Ensemble von neun Stelen genannt,
ohne jeden weiteren Fingerzeig. Im
Gespräch erfährt man, der Eindruck einer
durch Verschalung zustande gekommenen
Oberfläche werde dadurch erreicht, dass
beim Schuren, einer Form der maschinellen
Oberflächenbearbeitung, die Kurbel zum
Verstellen des Fräskopfes nicht fünfmal, sondern
eben genau fünfeinhalbmal gedreht wird. So verweist der Titel auf die notwendige
Präzision bei der Produktion, ohne
die Rezeption inhaltlich anzuleiten. Solcher
Anleitung bedarf es auch gar nicht.
Die Skulpturen Holger Grimms treten
unmittelbar, ohne die Vermittlung durch
einen Titel, mit dem Betrachter in einen
Dialog. Diese Erfahrung macht jeder, der
sich diesen Stelen unbefangen nähert. Er
entdeckt in der Struktur einer erarbeiteten,
vielleicht erkämpften Einheit, welche
die Stelen so offenkundig auszeichnet, die
Struktur bewussten Lebens und lebendigen
Bewusstseins. Er liest die steinerne Skulptur
als Biographie, deren Brüche, Risse,
Verschiebungen in einer wiedergefundenen
Einheit dialektisch aufgehoben sind. Das
Zusammenspiel von Plan und durchkreuzendem
Zufall, von Hindernis und Integration
des Widerständigen versteht er als tua res
agitur, als Einladung zur Selbsterkenntnis
durch Identifikation.
Erst einmal auf diese Fährte gesetzt, erschließt
sich noch mehr. Das Ensemble der
neun Stelen zeigt sich als Variation über ein
Thema – jede Stele eine mögliche Lösung
des Rätsels Leben, jede anders und doch
alle strukturell verwandt. «Neunmal Leben»
wäre ein denkbarer Titel, der den Betrachter
von dem Angst einflößenden perfektionistischen
Wahn befreit, es gebe nur ein
einziges richtiges Leben.
Ist eine solche Meditation, ist solches
Nachdenken über die Kunst des Lebens
die Intention der Kunst Holger Grimms? Ja
und nein. Für ihn ist die «Arbeit am rauen
Stein» nicht primär (wie für die Freimaurer)
die symbolische Arbeit am eigenen Selbst,
sondern die konkrete Arbeit am harten,
spröden, Widerstand leistenden und gerade
deswegen unwiderstehlichen Material.
Es sind elementare Techniken des Steinmetzhandwerks,
mit deren Hilfe er strukturierte
Artefakte schafft, die zwar in der
Sphäre des Abstrakten, inhaltlich Offenen
verharren, sich aber nicht sträuben gegen
ihre Überführung ins Konkrete. Wenn ein
Betrachter ein «C’est la vie» murmelt, sagt er
mehr als der Künstler und zugleich weniger,
weil dieser sein Werk auch für andere
Deutungen offen hält.
So könnte man die Skulpturen Grimms
auch als Reflexion über Material, Technik und Erkenntnis verstehen. Die besondere
Oberflächenbearbeitung mit in gleichen
Abständen stehend bleibenden dünnen
Streifen erweckt den Eindruck, es handle
sich um Spuren einer Verschalung. Der harte
Granit erhält eine Oberfläche, als sei er
durch Gießen entstanden, die subtraktive,
wegnehmende Technik des Schurens täuscht
eine plastische, hinzufügende Technik vor.
Steckt dahinter die grundsätzliche Warnung,
dem äußeren Anschein zu misstrauen?
Auch der erste Eindruck, die Stele sei
aus Bruchstücken zusammengesetzt, die ihre
ursprüngliche Ausrichtung verändert haben,
gewissermaßen jetzt liegen, ist trügerisch.
Nicht das Bruchstück ist gedreht, sondern
nur die Richtung seiner Oberflächenbearbeitung.
Wie leicht geht das Auge in
die Falle und entwirft eine falsche Chronologie:
Am Anfang war das Ganze und
seine Oberflächenstruktur, dann folgte der
Bruch – während in Wahrheit die Struktur
der Oberfläche erst nach dem Zerbrechen
geschaffen wird.
So gesehen, so sehend, durchläuft der
Betrachter der Stelen eine Schule der
Wahrnehmung, die ihn zum Skeptiker
werden lässt. Ging es dem ersten Betrachter
um Lebenskunst, geht es dem zweiten um
Erkenntnistheorie. So weit spannt sich das
Spektrum möglicher Interpretationen, die
sich gleichwohl auf werkimmanente Strukturen
stützen können.
Nun lassen sich die beiden dargestellten
Annäherungsversuche (die ja gewiss nicht
die einzig möglichen sind) überraschenderweise
sogar miteinander verknüpfen. Dann
erscheint die steinerne Biographie nicht
mehr als eine Konstruktion aus disparaten
Teilen, die – so gut es eben geht – in einer
neuen Ordnung integriert werden, sondern
die Biographie erweist sich als Wiederherstellung
einer verlorenen Ordnung und
Einheit. Denn die Unterschiedlichkeit und
«Verdrehtheit» der Einzelteile hat sich ja
mittlerweile als Täuschung entpuppt. Auf
einmal fallen einem Platons gespaltene
Kugelmenschen ein, deren Teile der Eros
wieder zueinander treibt … Und wer bei
diesen Stelen die (scheinbare) Vollkommenheit
einer polierten Oberfläche vermisst hat,
entdeckt nun die wahre Vollkommenheit des
fugenlosen Zusammenpassens der einzelnen
Teile.
Die Skulpturen Holger Grimms laden ein
zu Gedankenreisen, die weit hinausführen
über das Gesehene und es doch nie aus
dem Auge verlieren können. Seine Stelen
sind Steine des Anstoßes zu philosophischer
Reflexion.