* 22. August 1924 in Aschaffenburg
† 9. Oktober 2009 in Aschaffenburg
«Das enthusiastische, blühende Aufnehmen
verursachte ein Kichern auf kahlen Ästen.
Die Larvenhaftigkeit der menschlichen Existenz,
euphorisches Gehabe und penetrante Verlogenheit
brachten mich zur Zeichnung, und ich fand
mich selbst.» S. R., Kunstreport 1974
Siegfried Rischar war ein dem Leben und
den Menschen existentiell Zugewandter. Dies
war vielleicht der stärkste und bleibendste
Eindruck für einen Besucher, der diesem
Mann zum ersten Mal begegnete. Diese
Zugewandtheit äußerte sich nicht in einer
leutseligen Vertrautheit der Oberfläche,
sondern vielmehr in einer ganz speziellen
Empathie, dem mitfühlenden Interesse dieses Künstlers, der sich allen für ihn neuen
Erscheinungen hingab, um auch jeder dieser
weiteren Facetten des Lebens zu begegnen
und sie in sich aufzunehmen. – Ein dem Leben
Zugewandter und ein sich hingebender
Mann, der die große Gabe besaß, seinen
Gefühlen, Kämpfen, seinen Wünschen
und Visionen Gestalt zu verleihen in seinen
empfindungsreichen und von seiner Persönlichkeit
durchwobenen Gemälden, Wandbildern,
seinen Zeichnungen und Graphiken.
Siegfried Rischar begann 1947 mit dem
Studium der Malerei bei Prof. Wilhelm Heise
an der Hochschule für Bildende Künste in
Frankfurt am Main (Städelschule). Er teilte
die Mühen der Nachkriegszeit mit vielen
Künstlern seiner Generation und verdiente
sich seinen Unterhalt unter anderem mit
Tätigkeiten als Bühnenbildner und, nach der
Währungsreform, als Gebrauchsgraphiker.
Seit 1958 konnte er, inzwischen Familienvater,
als frei schaffender Künstler tätig sein.
In Rischars Werk gibt es vom Standpunkt
des Betrachters aus gesehen Schwerpunkte
seines Schaffens. Hier fest umrissene
Bereiche als Monolithe zu definieren, täte
ihm jedoch sicherlich Unrecht. Die unvermeidliche
‚kunsthistorische Würdigung’ wird
die Distanz erbringen. Der Künstler schöpfte
aus einer reichen Quelle und in seinen von
persönlichen Perspektiven durchdrungenen
Gestaltungsprozessen wob er vieles ineinander.
Doch lässt sich sagen, dass die Natur,
der Mensch in seinem Streben und Begehren,
das Geistliche wie das Geistige, hier
vor allem die Literatur und die Musik, als
Quellen der Inspiration wesentliche Zentren
seines Denkens und Schaffens darstellten.
Ein wichtiges Werk in der frühen Zeit dieses
spät zu seinem Eigenen findenden Künstlers
ist der Kreuzweg in der Wallfahrtskirche
Hessenthal, den er 1967 ausführte. Er markiert
den Stellenwert der religiösen Thematik
in seinem Werk, der oft übersehen wurde.
Es folgten weitere ähnliche Aufträge, auch
für Altarbilder. Siegfried Rischar öffnete
seine Kunst den Themen des Religiösen in
einer selbstständigen und tief reflektierten
Weise. Auch hier interessierte ihn nicht die
Doktrin, sondern das unmittelbar Erlebte,
die Nahsicht auf die Tragödie des Menschen
und die Apotheose seiner Menschlichkeit.
Siegfried Rischar war sicherlich kein Maler
der Düsternis, sondern der Hoffnung.
Gleichwohl zeigen viele seiner Bilder den
Menschen als hoffnungslos Verstrickten; in
innere Begehrlichkeiten wie auch äußere
Imperative. Aus diesen Zuständen der
Bedrängnis gewann und nutzte der Künstler
jedoch für sich die Kunst als das Medium
des Schilderns wie des Bannens innerer
Qualen und Freuden. Neben den narrativen
Elementen seiner Bilder, die oft Geschichten
in vielerlei Schichten und Wendungen
wiedergeben, spielte die Farbe die zentrale
Rolle. Rischar verstand es wie wenige, die
suggestive Kraft der Farbe in seinen Bildern
zur Wirkung zu bringen. Seine Stellung
zur Farbe, zu ihrer Struktur und zu ihrem
Wesen im Anblick des unendlichen Nuancenreichtums
der Natur wäre am ehesten
mit derjenigen einer Liebesbeziehung zu
vergleichen.
Das «Vokabular» für seinen lebenslangen
Diskurs fand Siegfried Rischar immer wieder
in der Natur. Von großer Bedeutung war
für ihn stets die unmittelbare Begegnung,
das unbeschränkte Erleben. Die Natur, der
Mensch, beide Interessen führten ihn auf
ihre, auf seine «Spur», führten ihn in die
Ferne. Erste Reisen nach dem Krieg hatten
bereits Italien und Jugoslawien zum Ziel.
1968 ging Siegfried Rischar nach New York.
Auf Einladung des deutschen Konsuls Günter
Habelt knüpfte er vielfältige Kontakte
und studierte das in dieser Zeit so ungeheuer
aufstrebende und vielschichtige künstlerische
Leben der Weltmetropole. 1969 zeigte
er dort erstmals seine eigenen Werke in
einer Ausstellung im Goethe-Haus.
Die enorme Vielfalt im Werk Rischars,
die unzähligen Verweise auf Erlebtes und
Erlittenes sind ohne diese Reisen wohl nicht
verständlich. 1972 bereiste er Indien und
stellte seine Werke vor Ort in Ausstellungen
in Kalkutta, Neu Delhi, Bangalore, Madras,
Hyderahbad, Poona der Bevölkerung vor.
Hier, wie an anderen Orten, zeichnete
das intensive Naturstudium seine Arbeiten
aus. Seit 1977 unternahm er zu diesem
Zweck Studienreisen nach Griechenland.
Dort blieb die klassische Antike nicht ohne
Einfluss auf sein Schaffen: Es entstanden
Zeichnungen und Ölbilder zu den großen
Themen der griechischen Mythologie.
Zwischen 1973-80 unternahm er immer wieder
Reisen nach Kanada, USA und Alaska.
1976 waren seine Werke in Montreal,
Toronto und Boston zu sehen. Im Jahr 2002
unternahm er nochmals eine ausgedehnte
Reise nach New York. Er prägte zusammen
mit anderen Vertreterinnen und Vertretern
seiner Generation in all diesen Jahren in
nicht geringem Umfang das Bild, das man
sich von deutscher Gegenwartskunst im
Ausland machte.
Mit dem Berliner Künstler und Kunstorganisator
Ben Wagin (*1930) war Rischar bereits
1970 zusammengetroffen. Beide entwickelten
seitdem gemeinsam Ausstellungen
und eine Vielzahl von Projekten. Neben
München, wo er seit Jahrzehnten und bis
zuletzt zahlreiche Ausstellungen realisierte,
war Berlin für Siegfried Rischar so immer
wieder ein bedeutender Schauplatz. Hier
finden sich mehrere bedeutende Werke
im öffentlichen Raum: Das Fassadenbild
«Der Weltbaum» von 1975, das im Tiergartenviertel
die gesamte Brandmauer eines
großen Mietshauses an der Bachstraße einnimmt
und das er zusammen mit Fritz Köthe
und Peter Janssen plante und mit dem Inder
Narende Jain ausführte oder die Installation
von 1986 «Werden, Sein, Vergehen» am
Berliner S-Bahnhof Savignyplatz.
Wichtig war Siegfried Rischar stets seine
Verbindung zu Kolleginnen und Kollegen,
der Austausch, das Zuhören. So war er
langjähriges Mitglied des «Berufsverbandes
Bildender Künstler», der «Neuen
Münchner Kunstgenossenschaft» und
der «Darmstädter Sezession», in deren
Ausstellung auf der Mathildenhöhe nun,
überschattet vom Tode des Künstlers, seine
Werke erneut zu sehen sind. An zahlreichen
Veranstaltungen der Sezession, etwa den
internationalen «Pleinairs» in Mirabel in
der Ardèche hatte er in der Vergangenheit
teilgenommen.
Eine bedeutende Inspirationsquelle für Siegfried
Rischar war immer wieder die Musik.
In zahlreichen Werken ist seine Auseinandersetzung
mit persönlichen Erfahrungen
und musikalischen Empfindungen nachvollziehbar.
In den Jahren 1982/83 entstand
seine Serie von Pastellkreidearbeiten über
den von Franz Schubert vertonten Gedichtzyklus
Wilhelm Müllers «Die Winterreise».
Bedeutende Aufträge hatte Rischar immer
wieder in der Region seiner Heimatstadt
Aschaffenburg ausgeführt, deren Kulturpreis
er im Jahr 2001 erhalten hat. Nicht
selten bot ihm auch dabei die Literatur die
Inspiration. Zu den bedeutenden Arbeiten
dieser Gruppe gehören die beiden zwischen
1984-87 im Auftrag der Landeszentralbank
Hessen in Frankfurt entstandenen
Wandfriese, die Situationen aus Goethes
«Faust II» verarbeiten.
Mauerfall und Wiedervereinigung Deutschlands
berührten den Künstler sehr, der als
junger Mensch den Wahnsinn des Krieges
als Marinesoldat erlebt hatte. Zahlreiche
Arbeiten entstanden dazu seit 1989. Ein
von Rischar bemaltes Fragment der Berliner
Mauer steht seit 1991 als Erinnerung vor
dem Atelier in der Grünewaldstraße.
Siegfried Rischar hatte auch zuvor stets
Anteil an aktuellen Problemen der Zeit
genommen. Seien es die eklatant zu Tage
tretenden Folgen der Umweltzerstörung
in den 1970er Jahren, denen er mit lyrisch
gestimmten Landschaften und dem Appell
zur Veränderung begegnete oder seine
sehr persönliche Auseinandersetzung mit
den schockierenden Bildern des Ersten
Golfkriegs.
Seit den 1990er Jahren nahm das künstlerische
Ausdrucksstreben Rischars noch einmal
neue Einflüsse auf. Seine Palette veränderte
sich, die Farbnuancen wurden noch zarter
ausformuliert. Der Künstler forschte bis
zu seinem Tode nach Urzuständen derNatur. Er war produktiv und offen, für das
Gespräch, den subtilen Austausch über das
Wesen der Kunst. Die Kunst belebte diesen
Künstler, der keinen Tag, an dem er zu
arbeiten vermochte, ungenutzt verstreichen
ließ.
Siegfried Rischar ist seinen Weg als ein uns
Zugewandter zu Ende gegangen. Es bleibt
Dankbarkeit, dass er uns so unserem Selbst
in seiner Kunst näher gebracht hat.