RL: Zum Anlass des Gesprächs: Die Darmstädter Sezession veröffentlicht
demnächst eine Schriftensammlung zum Thema Skulptur mit dem Ziel,
das Thema durch eine Vielzahl von Ansätzen und Aspekten näher
zu beleuchten. Wir in der Sezession bieten der Gattung ja generell sozusagen
Artenschutz, organisieren alle zwei Jahre ein große Ausstellung,
loben einen Preis aus etc.
Mich interessiert natürlich, wie der Direktor der Darmstädter
Kunsthalle mit der Gattung und ihren Grundgrößen umgeht, welche
Erfahrung er mit Skulpturenausstellungen gesammelt hat, wie er die Entwicklung
der Gattung beurteilt - von den Materia-lien bis hin zur akademischen
Aus-bildung - und wie er das Thema Förderung beurteilt. Beginnen
wir der Einfachheit halber vielleicht mit dem fundamentalsten aller Themen,
mit dem Sockel
Dr. Peter Joch
Rainer Lind
PJ: Der Sockel ist vielleicht das augenfälligste Merkmal für
grundsätzliche Entwicklungssprünge in der Gattung Bildhauerei.
Spätestens seit den fünfziger Jahren integrierten die Bildhauer
ja den Sockel ins Werk selbst. Dadurch erfuhren die Rollen von Kurator
und Künstler teilweise eine Verschiebung - sofern die Konzepte der
Künstler verstanden und ernstgenommen wurden: In der »klassischen«
Bildhauerei, beispielsweise während der Vorkriegszeit, lieferte der
Künstler sozusagen die »pure«, singuläre Form, den
skulpturalen Körper. Diese »Schöpfung« setzte der
Kurator in Szene, schuf im Sinne der zeitgenössischen Ideale eine
»Heilige Halle«, die der Figur automatisch Aura verlieh. In
den Nachkriegsjahren wurden die Künstler selbst zu den Regisseuren
ihrer Figuren. Sie definierten die Grundgrößen neu. Erinnern
läßt sich natürlich etwa an Alberto Giacometti, der zwischen
Sockel und Figur perspektivische Brüche «schaltete«.
Souverän eroberte sich die Bildhauerei so eine Grundtechnik der Malerei
und definierte ihren Raum als real und virtuell zugleich. Giacometti erzeugte
einen, so schrieb Sartre, »absoluten Raum«, in dem es nicht
möglich war, der Skulptur optisch näherzukommen. Die Figur entzog
sich durch ihre »grobkörnige« Schrundigkeit dem auf Details
versessenen Blick, die Körper schwebten in der Ferne, gleichgültig,
wie gering die reale Distanz zwischen Werk und Betrachter auch sein mochte.
Von - unter anderem - solchen Prinzipien ausgehend, schufen viele Bildhauer
seit den sechziger Jahren Werke, die ihre eigene Präsentation reflektierten.
Dem Kurator wuchs dadurch eine völlig neue Rolle zu: Inszenierte
er früher durch den Sockel die Einzelfigur, inszeniert er nunmehr
die Inszenierungen eines Künstlers. So durchdringen die Raumsysteme
von Museum und Kunst einander. Zwangsläufig näherten sich die
Gattungen während dieser Entwicklung in den letzten Jahrzehnten einander
an: Die
Bildhauerei bediente sich auch der malerischen Perspektive, gleichzeitig
zeigte sie Parallelen zur Kunst der Installation. Vereinfacht gesagt:
Wurde früher der Kurator zum Künstler, wird heute der Künstler
zum Kurator.
RL: Das heißt, dass der Künstler sozusagen mobile Raum-Einheiten
entwickelt, fixierte Fertigräume, vorinstallierte Präsentationen.
PJ: Ja, genau, und bei diesen, wie Sie sagen, »vorinstallierten«
skulpturalen Situationen kommt dem Sockel nunmehr eine völlige inhaltliche
Freiheit zu: Der Sockel einer klassischen Skulptur - oder eines Denkmals
- ist als Würdeformel symbolisch eindeutig festgelegt. Er definiert:
Ab hier geschieht Kunst, die der Welt enthoben ist. Die Bildhauerei der
letzten Jahrzehnte eroberte sich mit dem Sockel eine neue symbolische
Größe. Die Aura ließ sich brechen oder verstärken,
doppeln oder verspotten. Nehmen wir beispielsweise die Brunnenfiguren
der Niki de Saint Phalle. Die optischen Verzerrungen der Figuren im spiegelnden
Wasser antworten den verzerrten, aufgeblähten »Nanas«.
Die klassische Brunnensituation als Weiheformel erhält eine völlig
neue Bedeutung.
RL: Ich denke in dem Zusammenhang zum Beispiel auch an Stephan Balkenhol,
der bei seinem berühmten Pinguin-Ensemble einerseits die Sockel benutzt,
um das Thema der weihevollen »Figur« zu ironisieren, und andererseits
durch die dichtgedrängte Menge von »gesockelten« Wesen
Klaustrophobie inszeniert, psychische Grundzustände durchspielt.
Zu einem anderen zentralen Thema, dem Material.
PJ: Natürlich wird heutzutage eine bisher nie da gewesene Fülle
von Das Ritual des Skulpturenaufbaus bei Michael Witlatschil: Die Konstruktion
des aufrechten Stehens scheint so gefährdet. dass man als Betrachter
in respektvollem Abstand verharrt. Materialien in der Bildhauerei verwendet
- von Holz oder Stein bis zum elektronisch vernetzten Raum, der durch
Informationsbausteine definiert ist. Wir befinden uns weit jenseits der
guten alten romantischen Arte Povera, die schlichtweg die Standesregel
des Materials umdrehte und »Abfälle« mit Bedeutungssystemen
versetzte. Sucht man unbedingt nach einer Charakterisierung aktueller
bildhauerischer Positionen, lässt sich vielleicht die im Dialog mit
dem Umraum erzeugte Symbolsprache der Materialien nennen. Richard Serras
metallene Skulptur auf einer Halde im Ruhrgebiet, die wie ein Merkzeichen
das alte Reich der Stahlwerke bezeichnet, ist sicher ein Beispiel für
ein gelungenes Werk, das Material nicht nur als Selbstzweck in Dienst
nimmt, als die zehntausendste Fassung vom ewig durchdeklinierten Programm
inszenierter Bescheidenheit: Ich erkunde ein Material.
Viele Materialien lassen sich mit einem gereimten Gedicht vergleichen,
erzeugen unfreiwillig ein etwas abgestandenes Pathos. Bronze produziert
beispielsweise eine unendliche Kette von Erinnerungen und Vergleichen,
leuchtendes Messing erscheint als »geschönt« etc. Diese
Materialien benötigen eine inhaltliche Durchbrechung oftmals radikaler
Art. Man kann sie vielleicht mit Spott oder »Banalität«
oder mit stringent gehandhabten Leitmotiven konstruktiv aushebeln, nicht
mit inhaltlicher Selbstgenügsamkeit.
RL: Bei den Reaktionen des Materials auf den Umraum denke ich etwa an
die Wüstenprojekte von Heinz Mack, an die Lichtstelen, die ihre strahlende
Kraft aus der Sonne bezogen.
PJ: Gerade bei solchen Umraum-Projekten werden die Skulpturen zu Aggregaten,
die Raumenergien verzerren, bündeln oder auflösen oder etwa
auch als reale Maschinen Terrains erobern. Solche kinetische Kunst wiederum
ist natürlich ein Reflex auf das sequenzielle Sehen, wie es seit
Erfindung des Films gefördert wird. Die Frage des Materials tritt
bei diesen Aspekten einer »lebendigen« Kunst letztendlich
in den Hintergrund.
RL: Wie geht ein Kurator mit dieser komplexen Situation der grenzenlosen
Gattung um?
PJ: Wie mit jedem traditionellen Kunstwerk auch. Er muss sich
der heraufbeschworenen Affekte bewußt sein. Wenn er zum Beispiel
die gute, alte Sockel-Situation herstellt, muss das Kunstwerk geeignet
sein, sie aufzubrechen, etwa durch eine gestalterische Ironie. Der Kurator
kann Sinnbögen herstellen, er kann sich ihnen verweigern, kann materielle
gegen symbolische Räume stellen und so weiter.
RL: Die Künstler arbeiten selbst ja auch mit affektiven Größen.
Ich erinnere mich etwa an die erschreckend labil wirkenden Plastiken von
Michael Witlatschil, die über dem Betrachter lasten und auf ihn herabzustürzen
scheinen. Genauso können verfließende Stoffe - bis hin zum
Fett bei Beuys - eine labile Weltsicht symbolisieren oder erzeugen.
PJ: Gesteigert wird das Prinzip natürlich noch bei Inszenierungen
realer Gefahr und realer Verletzungen. Die Aktionisten griffen bekanntermaßen
den menschlichen Körper an, unterliefen - was mich persönlich
ab-schreckt - eine Ethik des Körpers. Sie erzeugten schlicht einen
Kick, ähnlich wie bei Sensationssportarten. Dasselbe Phänomen
findet sich bei Raumsituationen, die den Betrachter körperlich real
bedrängen. Der für die Moderne zentrale Gedanke der Skulptur,
die in den Raum eindringt oder den Raum in sich eindringen lässt,
wird so zu Ende gedacht. Auch eine klassische Skulptur ist im Museum nur
ein allansichtiger Film, sie darf nicht berührt werden, wirkt wie
eine Holographie. Vielleicht lassen sich aktionistische Ansätze auch
als ein Reflex auf diese Situation der gläsernen Barrieren verstehen.
Umgekehrt dient die Skulptur im Crossover der Künste auch als Wahrnehmungskompendium,
das auf andere Gattungen übertragen werden kann. Nehmen wir nur die
Fotografien von Bernd und Hilla Becher, die Industriebauten durch die
serielle - ornamentale - Anordnung wie plastische Objekte erscheinen lassen
- wie Skulpturen, die ein vergleichendes Sehen provozieren. Die für
die Skulptur gültigen Wahrnehmungskategorien werden zur Chiffre für
die sekundäre Ästhetisierung der Welt und zum Anlass, eine vergangene
Gesellschaft und deren Muster von Repräsentation zu überdenken.
RL: Also eine Art Etymologie des Raumes. Apropos Architektur: Wie steht
es mit Skulptur im Öffentlichen Raum? Wie hat Sie sich Ihrer Meinung
nach entwickelt?
PJ: Die Skulptur im Öffentlichen Raum zeigte in den Nachkriegsjahren
eine doppelbödige Entwicklung. Der Nazi-Zeit antwortete einerseits
eine künstliche Harmlosigkeit. Kaum ein Brunnen, kaum eine Verkehrsinsel
blieb von spielenden Kindern in Bronze verschont. Andererseits blieb die
naturalistische Plastik den alten Themen von athletischer Kraft und heroischem
Willen verpflichtet. Diese Paradoxie produziert vielleicht die
unnachahmliche Langeweile, die manche Skulpturen der fünfziger und
sechziger Jahre ausstrahlen. Heute sollte - so meine Meinung - Skulptur
im Öffentlichen Raum ausschließlich kontextuell funktionieren,
den Umraum neu deuten, historische, akustische, formale oder durch das
Material bedingte Verbindungslinien zur Situation »Stadt«
herstellen.
RL: Noch einmal zum letztgenannten Stichwort: Mich wundert, dass die
Künstler vielfach die modernen Materialien nicht nutzen, nicht die
Verarbeitungsverfahren der heutigen Zeit nutzen.PJ: Das sehe ich genauso.
Die Welt ist vollgeräumt mit künstlich generierten Stoffen.
Die Wissenschaft produziert am laufenden Band neue Kunststoffe oder Legierungen.
Die künstlerische Verarbeitung solcher Materialien deutet die tagtäglich
erlebte - durch die Technik dominierte - Welt neu. Das sollten sich die
Künstler nicht nehmen lassen.
RL: Dazu bedarf es natürlich auch Förderungen. Ich fände
Symposien zu einzelnen Materialien hochinteressant. Es sollte möglich
sein, die Zusammenarbeit zwischen Künstler und Industrie wieder mehr
zu fördern. Warum soll ein Künstler nicht in einem Wirtschaftsbetrieb
den Umgang mit neuen Materialien erlernen?
PJ: Finde ich eine gute Idee. Neue Techniken erzeugen ja zunächst
auch stets eine Kluft zwischen Wirtschaft und Kunst. Nehmen wir beispielsweise
die Computer-Art. Eine lange Zeit war jede kleine semiprofessionelle Internet-Agentur
vielen Künstlern technisch weit voraus. Das Resultat war schnell
abzusehen: Computer-Art verlor ihr Terrain noch schneller, als sie es
erobert hatte.
RL: Künstler sind - abgesehen von technischen Entwicklungen - auch
an vielen anderen gesellschaflichen Bereichen nicht beteiligt. Warum arbeiten
Künstler nicht, beispielsweise als Berater, für die Politik?
Man sollte an den in der Geschichte verankerten großen Einfluß
bildender Kunst auf unsere kulturelle Gemeinschaft denken.
Wie sehen Sie in diesem Zusammenhang die Ausbildung an Kunstakademien?
PJ: Ich glaube, die Akademien sind durch die Paradoxie geprägt,
dass unbedingte Originalitätspflicht herrscht und trotzdem eine Art
Vergleichsmaßstab in den Klassen gesucht wird. So entsteht ein permanenter
doppelbödiger Konkurrenzdruck, dem prinzipiell nur schwer zu entkommen
ist. Viele Studenten werden dadurch entweder Mäuse oder Majestäten.
Gefördert werden diese Effekte natürlich durch die Tatsache,
dass die Lehrerschaft ausschließlich nach Maßgabe des künstlerischen
Ruhms besetzt wird - völlig unabhängig vom didaktischen Talent.
Um auf die Bildhauerei zurück zu kommen: Gerade die Akademien wären
natürlich das geeignete Relais, um zwischen Künstlern und Wirtschaftsbetrieben,
die sich der Entwicklung neuer Materialien widmen, zu vermitteln.
RL: Viele Mängel in der Ausbildung und Förderung hängen
natürlich auch mit dem Schwinden von Finanzmitteln zusammen. Was
wir ja auch übrigens aktuell in unserem Ausstellungsgeschehen spüren.
Das bringt mich natürlich zu der wichtigen Frage: Sollen Aussteller
sich zusammenschließen, um finanzielle Mittel zu bündeln trotz
des möglichen Verlusts einer stringenten Ausstellungsphilosophie?
PJ: Ein Ausstellungshaus sollte niemals sein Gesicht verlieren. Das ist
mein persönlicher Grundsatz. Wir sollten uns bei allen Kooperationen
treu bleiben. Es gibt viele Partner, mit denen das möglich ist. Die
Darmstädter Sezession gehört dazu. Schon deshalb freue ich mich
darauf, Teile kommender Skulpturenausstellungen der Sezession in der Kunsthalle
Darmstadt zu Gast zu haben.