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... TO THINK SO BRAIN-SICKLY OF THINGS
von Rainer Lind
»Die Unglücklichen, die der Tod ausgespart hatte... stürzten
sich auf die Leichen, von denen das Floß bedeckt war, und zerschnitten
sie in Stücke, die einige von ihnen auf der Stelle verschlangen...
Als zu sehen war, dass diese abscheuliche Nahrung diejenigen gestärkt
hatte, die davon gegessen hatten, kam der Vorschlag, sie zu trocknen,
um ihren Geschmack ein wenig erträglicher zu machen.«2
Hoch über einer Berglandschaft ein Galgen - auf einer angelegten
Fläche seitlich eingelassen und mit seinem erhöhten Fallboden
wie ein Museumsstück umgeben von Abgrenzungspfosten mit Seilen. Steht
da wie ein Gipfelkreuz oder Fernmeldeturm, ist vielleicht sogar Ausflugsort
für Reisende heute. Der Hängestrick intakt, sofort einsatzbereit?
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| Théodore Géricault |
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Lucinda Devlin |
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Peter Hendricks |
Auf einer Edelstahlpritsche liegend ein lebloser Frauenkörper, eine
Hand, ein Stück Oberschenkel sichtbar. Gänsehaut überzieht
den Schenkel, Ansätze von Totenflecken. Daneben liegt ruhig die Hand,
kühl wie Marmor. Winzige Einstichstellen von Drogenspritzen. Violett
lackierte Fingernägel mit Resten von Nikotin zwischen Zeige- und
Mittelfinger. Die Hand und der Schenkel ohne Verbindung, als gäbe
es keinen Gesamtkörper und schon gar keinen Menschen dazu. Detailaufnahmen
einer Verstorbenen.
Drei Anlässe, drei Beschreibungen.
Die eine hat zu tun mit Théodore Géricaults Gemälde
»Das Floß der Medusa«, das - mit seinen kolossalen Ausmaßen
von 5 x 7 Metern zuerst im Pariser Salon des Jahres 1819 ausgestellt wurde
und heute Teil der Sammlung im Louvre von Paris ist. Zu sehen ist keine
fiktive apokalyptische Szene, sondern ein naturalistisches Werk, das sich
auf ein wirkliches Geschehen bezieht, auf eine reale, tatsächlich
gescheiterte Schiffsreise im Jahre 1816: Ein Vorauskommando zur Erkundung
einer von England an die Franzosen übergebenen Kolonie erlitt vor
der afrikanischen Westküste Schiffbruch. Hunger, Meuterei, Kannibalismus
dezimierten die anfangs über einhundertfünfzig Schiffbrüchigen
auf nurmehr fünfzehn. Beamte, Soldaten und Ärzte waren unter
ihnen. Berichtet von diesem Ereignis hat - fernab des Geschehens - der
Arzt Henri Savigny am 10. September 1816 im »Moniteur Universel«.
Dann »Gallows, Le Struthof Concentration Camp«, eine Arbeit
aus der Fotoserie »Corporal Arenas« von Lucinda Devlin, die
in der Ausstellung auf der Darmstädter Mathildenhöhe zu sehen
ist. »Quel beau jardin!« soll Ludwig XIV ausgerufen haben,
als er 1681 von der Zaberner Steige auf diesen Teil des Elsass blickte,
wo fast 300 Jahre später der Galgen auf dem Struthof, einem KZ-Lager
errichtet wurde.
Struthof war nicht die undifferenzierte Vernichtungsmaschine, wie es
die Tötungslager im Osten des NS-Herrschaftsbereichs waren. Vielmehr
wurden nach Struthof politische Gegner der NS-Diktatur oder der deutschen
Besatzer im annektierten Elsass gebracht, aber auch »Randseitige»:
Kriminelle, Homosexuelle, Zeugen Jehovas, Zigeuner, Partisanen und natürlich
auch Juden. Zahlreiche Gefangene wurden Opfer von Menschenversuchen zu
»rassenkundlichen« Untersuchungen und zur Erprobung chemischer
Kampfstoffe. Lucinda Devlin entrückt den Galgen visuell der Lagerumgebung
und transponiert ihn zu einer denkwürdigen Ikone von Rechtswillkür
über den sanften Hügeln des Elsass.3
Und schließlich eine Fotografie von Peter Hendricks aus der Serie
»Sehsüchtig Sehnsüchtig«. Dazu Georg Diez: »Bilder
von Frauen sind das, von Drogenabhängigen und Prostituierten, die
ihren Körper vor allem dazu benutzen, ihre schwach flackernden Seelen
spazieren zu führen: mit Venen, die nur für Drogen gut sind,
mit Schenkeln, die zum Geldverdienen taugen, mit Augen, hinter denen es
kaum noch Leben gibt. Es sind aber auch Bilder von Männern, oder
besser gesagt: vom männlichen Blick, von Begehren und Sex, von Haut
und Fleisch.«4
Vergänglichkeit und Sterben sind Motive von Reflexionen jeder Kultur.
In der Ausstellung auf der Mathildenhöhe wird das Ableben von Menschen
auch einmal unter dem Aspekt der Unmöglichkeit zur Diskussion gestellt,
das Leben natürlich zu beenden.
Géricault, Devlin und Hendricks beschäftigen sich in ihrer
jeweils eigenen Bildsprache mit zeitnahen Geschehnissen, Schicksalen,
Lebensumständen. Und dabei gilt: Je näher diese Ereignisse zur
Zeit des Betrachters sind, desto fragwürdiger wird die Glaubwürdigkeit
ihrer Aussage als Kunstwerke, denn diese Themen werden auch von anderen
Informationsmedien zeitgleich in Besitz genommen, verbreitet und kommentiert.
Die Medien erzielen flüchtige Betroffenheit und rasante Vergesslichkeit.
Der Kunstmarkt aber mit seinen - auch fragwürdigen - Filtern, ermöglicht
es, solche Arbeiten in einem Museum zu platzieren. Damit verschafft er
ihnen eine Informationsgarantie für mehrere Generationen, auch über
unsere gegenwärtige Kultur hinaus.
Peter Hendricks Fotografien sind erschreckende Zeugnisse gesellschaftlicher
Wirklichkeit. Er hat die drogenabhängigen Prostituierten in ihrem
Umfeld, ihrem Milieu fotografiert - so wie sie leben oder lebten. Von
1994 bis 1998 entstanden seine Bilder in Hamburg, Frankfurt, Berlin und
Essen.
Für sein Projekt »Sehsüchtig Sehnsüchtig«
hat Hendricks verschiedene Präsentationsformen gefunden. In unserer
Ausstellung sehen wir davon die Farbfotografien, je 37,5 x 30 cm groß.
Im Gegensatz zu Géricault, der sein Gemälde aus der Entfernung,
aus seiner Vorstellung und dem ihm vorliegenden Bericht entwarf, ist Hen-dricks
gewissermaßen Zeitzeuge und damit direkter Teilhaber und Mitwisser
des schicksalhaften Geschehens. Die Methode besteht in der sachlichen,
emotionslosen Sichtweise des Fotografen ohne jegliches voyeuristische
Pathos. Noch überhöht werden Hendricks Fotoarbeiten durch den
Präsentationsort: die Ausstellungshallen auf der Mathildenhöhe
in Darmstadt, einer Hochburg des Jugendstils, jener Kunstrichtung zur
Verherrlichung der Jugend in Schönheit und der optimistisch naiven
Lebenserwartung.
»Corporal Arenas« ist der Titel der Fotos aus Lucinda Devlins
Werkreihe, die jeweils 49,5 x 49,5 cm groß sind. Es werden hier
Räume gezeigt, Räume für Menschen, für den menschlichen
Körper. Zum einen geht es hier um Krankheit und Heilung: Untersuchungs-,
Kranken-, Behandlungs-, Massage- und Operationsräume. Daneben sind
aber auch die Räume für den Umgang mit Toten zu sehen: Leichenschauhaus,
Autopsie, Bestattungs- und Einbalsamierungsräume.
Es handelt sich um Grenzräume, Kontrollräume, Vermessungsräume.
»Die Fotografie-Serie spricht spezifisch die Mythologie an, die
die bei der Behandlung des Körpers genutzten Räume, Apparate
und Technologie umgibt. Die Geräte wurden ent-worfen, um zu funktionieren,
erscheinen dabei aber kühl, imponierend, dominierend. Diese Räume
erzwingen Passivität, die uns Angst und Verwundbarkeit fühlen
lässt.« (Lucinda Devlin)
Lucinda Devlin führt uns zielstrebig in eine unbekannte, eine vielleicht
verdrängte, aber wirkliche Welt, in der wir Menschen als Fremde,
als Neophyten wirken und erscheinen. Isoliert und auf uns selbst gestellt,
werden wir beobachtet, vermessen, beleuchtet inventarisiert: Die Türen
versperrt, die Fenster geschlossen, kein Sonnenlicht, kein Aus- und Einatmen
der Tage. Der naturgemäße Wandel der Zeiten scheint aufgehoben.
In den »Corporal Arenas« könnte jeder «verschwinden«,
zunächst noch nicht einmal mit dem Ziel der Zerstörung oder
Verletzung. Drogensucht, Krankheit, Unfall, Krieg, dies alles sind Gründe
genug, uns mit diesen Wirklichkeiten bekannt zu machen. Die Protagonisten
dieser Inszenierungen sind allenfalls - aber deutlich genug - in Spuren
gegenwärtig.
32. Jahresausstellung der Darmstädter Sezession,
Mathildenhöhe, Darmstadt, 2003
TO THINK SO BRAIN-SICKLY OF THINGS, Shakespeare, Macbeth, Act 2,
Scene 2
(1)cf: Dietmar Schings, Phantasmorgie des Absurden: Theodore Géricaults
Bild Das Floß der Medusa, Frankfurter Rundschau 2002
(2) cf: Lexikon: Natzweiler / Struthof (KZ), S..1. Digitale Bibliothek
Bd. 25: Enzyklopädie des Nationalsozialismus, S. 2025
(3) cf also: Georg Dietz / http://www.mkg-hamburg.de/ausstell/02_trien/hendricks.html
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