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Fotografien von Lucinda Devlin und Peter Hendricks
ORTE OHNE MENSCHEN - MENSCHEN OHNE ORT
von Susanne Regener
In der Mitte des Raumes steht eine gewaltige technische Konstruktion:
Glänzende Behälter, Schläuche, Hähne und eine Waage
versperren den Blick auf eine tischähnliche glatte Fläche. Nur
Apparate, kein menschliches Wesen. Die Perspektive allerdings scheint
uns Zuschauer mitten hinein zu ziehen. Der Ort enthält Bekanntes:
links eine Küchenzeile mit Unter- und Oberschrank und Spülbecken,
rechts Schränke, einen Mülleimer mit Schwingdeckel, eine mit
Stoff bezogene Sitzbank, eine Holztür. Und dennoch ist uns der Ort
fremd, irgendetwas lässt nicht an das Naheliegende glauben, an eine
Küche. Allein die Legende Morgue, Forrest General Hospital
weist darauf hin, dass hier Obduktionen an toten Körpern stattfinden.
Ein medizinisch-pathologischer Spezialraum ist das also, das Licht ist
kalt und gleichmäßig, alle Flächen blank.
Freundlicher wirkt dagegen jener Raum, in dem ein voluminöses Bett
steht, das mit verschiedenen Stoffen bedeckt ist. Die Wand ist in ein
warmes Hellblau getaucht, durch das mit weißem Tuch verhangene Fenster
fällt unregelmäßig Licht auf die Szenerie. Wieder ist
es der Ausschnitt des Fotos, der uns Betrachter hineinzieht in den Raum,
direkt vor das Bett, ein Massage-Raum. Auch dieses Foto zeigt keinen Menschen,
doch obwohl, oder genauer weil Menschen abwesend sind, spielen sie in
diesen Bildern eine Rolle. Die Darstellung des Abwesenden ist immateriell
Bestandteil des Bildes.
Corporal Arenas so hat Lucinda Devlin ihre Fotoserie benannt
körperliche Arenen, Bühnen des Körpers ließe sich
übersetzen. In der Bezeichnung steckt nicht nur der Verweis auf den
im Bild abwesenden Körper, das Objekt der Arena. Zugleich spielt
Corporal Arenas mit einer imaginären Performance: die Beschau, das
treatment, die Unterwerfung unter die Apparatur. In der Fotografie von
dem hospitaleigenen Security Office, liegt die Synthese: Die Arenen sind
zentral einsehbar, sie werden mit Kameras überwacht. Corporal Arenas,
das sind Orte, in denen Menschen der genauen Beobachtung ausgesetzt sind.
Man kann sich vorstellen, was in den von Apparaten besetzten Räumen
vorgeht: Körper werden eingeölt, massiert und betastet, mit
Wasser traktiert, Körper werden untersucht, mit Röntgen-Strahlen
durchleuchtet, an Körpern wird operiert und obduziert. Wir sehen
in Behandlungsräume von Kur-Bädern, blicken in Untersuchungs-
und Operationssäle von Kranken-häusern und Forschungsräume
von pathologischen Abteilungen und in Anatomie-Labore. Ist es nicht so,
dass wir gerne diese Orte meiden würden, durch die wir jetzt mittels
der Fotografie hineingezogen werden? Denn diese Räume erinnern an
Gebrechlichkeit, Krankheit und Tod.
Was Devlin vornimmt, ist eine Deanimation, sie entfernt den Menschen
von diesem Ort, wie sie es dann wieder bei der Serie The Omega Suites
getan hat.1 Auch diese Räume in amerikanischen Gefängnissen,
die der Hinrichtungsprozedur vorbehalten sind, wurden ebenfalls ohne die
Protagonisten fotografiert. Eine Performance, wie sie die Tötung
eines Delinquenten oder im vorliegenden Fall zum Beispiel das medizinische
Ritual einer Obduktion abgeben würde, findet nur in unserer Phantasie
statt. Aber gerade deshalb werden wir mit Devlins Bildern so eindringlich
und penetrant darauf gestoßen: was es heißen könnte,
eine Medizinal-Behandlung durchzustehen oder auf dem Operationstisch zu
liegen. Besonders die Eingriffe am Leib nach dem Tod sind uns unheimlich
Blicke in die Pathologie, die Leichenkosmetik und Räume von
Beerdigungsinstituten sind ganz und gar nicht üblich in unserer Bilderwelt.
Aber auch dort sind Körper Teil einer rituellen Performance.
Die (Menschen-)Leere in Devlins Fotografien ist von besonderer Art, denn
trotz Deanimation bleibt eine Spur vom Menschen und seiner Behandlung
an diesem Ort. Das klingt nach Metaphysik, hat aber etwas mit der Phänomenologie
der Wahrneh-mung zu tun. Wir haben es in einem doppelten Sinne mit einem
abwesenden Gegenstand zu tun: Bei der Bildbetrachtung schauen wir normalerweise
nicht den anwesenden, mate-riellen Gegenstand, das Fotopapier, an, sondern
betrachten den abwesenden Gegenstand, das Bildobjekt. 2 Die Beschreibung
des Dargestellten im Kontext unserer Erfahrungswelt kann darüber
hinaus zu neuen Aspekten über das Dargestellte führen. Devlins
Orte sind zwar ohne Menschen, doch die Leere, die uns begegnet, verbirgt
nicht etwas, sondern öffnet uns gera-dezu die Augen für das
Abwesende. Wir übertragen Bilder von Körperbehandlungen, von
Operationen, vom Anatomie-Unterricht, die wir aus anderen medialen Zusammenhängen
kennen, auf die Corporal Arenas. Auf diese Weise wird das Bild wieder
animiert. Devlins Bilder machen deutlich, dass der Mensch nicht mehr Akteur
in diesen Räumen ist, sondern sein Körper von medizinischer
Wissenschaft und Technik beherrscht, eingespannt, be- und durchleuchtet
und operativ verändert wird. Die Corporal Arenas erzählen von
der Kontrolle, denen Körper heutzutage unterworfen sind: Jede/r in
unserer Kultur ist schließlich dazu angehalten, sich behandeln,
heilen und pflegen zu lassen, wenn sie/er krank ist. Die Bearbeitungen
des Körpers dauern so lange an, bis man im Sarg liegt. Devlin verweist
mit den deanimated spaces auf den Anschluss des Menschen an die Apparatur
und die Ähnlichkeit von Räumen der Lebensverlängerung und
Lebensrettung mit den Räumen der Toten-behandlung. Die Arenen differieren
im Detail: je dringender die Behandlung ist, desto kühler wirkt der
Ort. In der, für die mechanische Stimulation gedachten Dusche des
Kurbades kann der Kranke noch selbst stehen, in der Horizontalen wird
er mehr und mehr bearbeitet: Der Massageraum mit seiner warmen Stofflichkeit
ist klar vom grell ausgeleuchteten Operationstisch unterschie-den; im
Anatomie-Labor schließlich dominieren die schwenkbaren Leuchter,
die Atmosphäre ist kalt und aseptisch. Erst der tote Körper,
nachdem er aufgeschnitten und wieder zusammengenäht und das Gesicht
von Totenflecken befreit wurde, wird in einem, mit Tüchern und Kissen
versehenen Sarg gebettet, zum letzten Mal.
Die Porträts von Peter Hendricks scheinen völlig umgekehrt
zu wirken: Auf diesen Bildern ist der Ort, an dem die Frauen agieren,
bis auf wenige Ausnahmen völlig ausgespart. Die Frage nach der Bedeutung
des Ortes für den Menschen stellt sich hier neu und anders. Aber
wir werden sehen, dass die Ortsbezogenheit - ob real oder imaginär
- als ein wichtiger kultureller Indikator für die Verfasstheit des
Menschen auch in Hendricks Arbeiten transparent wird.
Hendricks wählt formatfüllende Ausschnitte für seine Porträts
von stark drogenabhängigen Frauen, die sich mit Prostitution ihre
Existenz sichern. Vier verschiedene Ausschnitte werden hintereinander
präsentiert: im Freien aufgenommene Brustporträts, Bilder von
Inszenierungen am Arbeitsplatz und zwei verschiedene Nahaufnahmen von
Gesichtern: ruhige, scharfe und unscharfe bis verschwommene Einstellungen.
Eine vorsichtige voyeuristische Annäherung an die Frauen, die dem
Fotografen ihre zerschundenen Körper zeigen. Die letzten Porträts
sind bewußt unscharfe Fotografien: Beim Heroin-Konsum gibt es kurz
nach dem Schuss in die Blutbahn einen Kick in Kopf und Leib, ein Wegdriften,
das mit dem Gefühl eines Orgasmus vergleichbar sein soll. Was kommt
zur Abbildung? Ein ekstatisches Gefühl? Eine Wahrhaftigkeit? Ausdruck
von Glück? Sehen wir authentische oder deformierte Gesichter? Fragen,
die abzielen auf unsere beständige Suche nach Sinn und Deutung von
Bildern, auf die Funktion von auf- und zudecken. Wir haben den Eindruck,
es mit unmas-kierten Ansichten zu tun zu haben; zu viele Stellen am Körper
der Frauen sind wund, sie vermitteln Durchlässig-keit. Wenn man sagt:
Maske verbirgt Identität, wird sie dann auf diesen Bildern freigelegt?
Ich bezweifle das, denn auch hier sieht uns etwas an, was wir zu kennen
meinen: Krankheit, Suchtfolgen, Andersheit, Elend. In dieser Spannung
von dem, was uns der Fotograf an Intensität übermitteln will
und dem, wie wir das Bild einordnen, liegt ein Reiz der Fotoserie, das,
was der Autor als Sehsucht bezeichnet. Ein anderer Aspekt, jener auch
im Titel genannte Fingerzeig auf die Sehnsucht, wird durch die Enträumlichung
der Individuen ausgebreitet. Ich will das ausführen.
Bei dieser Fotoserie handelt es sich um ein Projekt, das heisst um eine
intensive, jahrelange Arbeit von Peter Hendricks mit den porträtierten
Frauen und Mitarbeiterinnen von Sozialeinrichtungen. Zwischen 1994 und
1998 entstanden, hauptsächlich in Hamburg, Frankfurt, Berlin und
Essen die vorliegenden Aufnahmen. Die Serie zeigt die Geschichte einer
Annäherung: Brustporträts der bekleideten Frauen auf der Straße,
nackte Körper in der Arbeitssituation, Nahaufnahmen vom Gesicht.
Die Annäherung des Fotografen spielt mit den verschiedenen Blicken
von Freiern. Das Dem-Blick-Ausgesetzt-Sein verstärkt die Idee der
Ortlosigkeit der Frauen.
Die Aufenthaltsorte, weder die Städte noch die konkreten Orte der
Interaktionen spielen für die Porträts eine Rolle. Peter Hendricks
präsentiert sie gesondert, abgetrennt: Man erkennt großstädtische,
leere Plätze, Baustellen, dreckige Strassenabschnitte und Hausecken.3
Drogenabhängige haben keinen Ort in unserer Gesell-schaft, weder
im buchstäblichen noch im übertragenen Sinne. Von ihren Aufenthaltsplätzen
werden sie immer wieder vertrieben und neuerdings mit modernster Überwachungstechnik
und privaten Security-Männern in Schach gehalten. Doch auch das Getrieben-Sein
von der Sucht scheint zu einer gewissen Fremdbestimmung und Ortlosigkeit
zu führen. Es ist darum sehr einleuchtend, dass Ort zur Metapher
wird, zur Metapher von Geborgenheit und Glück. Eine solche Auseinander-setzung
mit der eigenen Existenz zeigt das Tagebuch von Teschi, das wichtiger
Bestandteil des Fotoprojektes von Peter Hendricks ist. Die Mitteilungen,
die die drogenabhängige Prostituierte unter einem Pseudonym nur in
der selbstbeobachtenden Rolle der dritten Person in ein Heft schreiben
kann, sind erfüllt von der Suche nach dem Ort des Daseins. Oder wie
sie selbst schreibt: »Eine Sehnsucht nach Geborgenheit, Vertrauen
und Freundschaft!«4 So sentimental und klischeehaft sich diese Äußerung
in anderen Zusammen-hängen anhören mag, hier bekommt sie einen
tieferen Sinn. Hier lässt sich exemplifizieren, was Martin Heidegger
mit In-Sein gemeint hat: eine existenzielle Seinsverfassung
des Daseins und eine unmittelbare Verbindung von Raum und Sein. Das heisst,
dass man in der Welt nicht einfach nur ist, sondern dass man sie »einwohnt«,
dass Räumlichkeit und Existenz wesen-haft zusammengehören.5
Und dabei geht es nicht einfach um eine Häus-lichkeit, sondern gerade
um jenes Ankommen an einem Ort, das sich die Frau in ihrem Tagebuch so
sehr wünscht. Teschi will beständig »nach Hause«
fahren zu Mama und Papa. Ihr Bestreben ist es, mit den Eltern zu telefonieren,
einen Kontakt herzustellen, der die Aufnahme an dem Ort der Glückseligkeit
initiiert. Der ganze Text handelt von dieser Vorbereitung: sich »frisch
machen«, d.h. Kosmetik betrei-ben, »Gäste schaffen«,
d.h. Freier bedienen, Geld beiseite legen wollen. Und doch bleibt das
Ziel, einen »letzten neuen Anfang« zu schaffen, unerreicht
und der Ort des Ankommens imaginär.
Diesen Frauen ist kein Raum gegeben, den sie, den alle Menschen für
ihre Existenz brauchen: Wie Teschi es beschreibt, findet das Leben halb
auf der Straße, halb in Stundenhotels, ab und zu in Hotelzimmern
statt. Stets geht es um die Verhinderung des Allerschlimmsten: »Seit
ein paar Tagen lebe ich auf der Straße das ist nicht gut so. Warum???
Da ist der Absturz schon näher und noch schlimmer das alleine sein.«6
Die porträtierten Drogenabhängigen wohnen weder bei anderen
Menschen noch sind sie sich und anderen vertraut. Vom »In-der-Welt-Sein«
im Heideggerschen Sinne kann hier keine Rede sein. Die Metapher der Enträumlichung,
die die Fotografien von Peter Hendricks hervorruft, ist nichts Imaginäres.
Diese Frauen haben keinen Ort; sie sind in einer Um-Welt, aber sie bewohnen
sie nicht. Sie sind ständig damit beschäf-tigt, den Raum, den
sie gewohnt sind - Straße und Hotelzimmer - zu verlassen, zu vermeiden,
zu verdrängen.7 Eine Raum- oder Ortsbezogenheit kann nur über
die Phantasie oder möglicherweise über die Drogeneinwirkung
erzielt werden. Die Unschärfe einiger Nahaufnahmen wirkt wie eine
Gaze, die der Fotograf zum Schutz anlegt, auch eine Art von Sorge gegenüber
den porträtierten Frauen.
Während in Lucinda Devlins Arbeit der Raum als Ort der Anpassung
und als Unterwerfungsgeste thematisiert wird, problematisiert Peter Hendricks
die individuelle Ortlosigkeit als körperliches Drama. In beiden Fällen
geht es darum, das Subjekt in der Welt zu denken: wo hält es sich
auf, welche Räume enthält es?
1
Der österreichische Avantgarde-Filmer Martin Arnold macht übrigens
etwas Ähnliches mit bekannten Spielfilmen, indem er mit der Technik
des digital composing die Figuren aus den Filmszenen herauslöst.
Die Ausstellung Deanimated wurde Ende 2002/Anfang 2003 in der Kunsthalle
Wien gezeigt.
2
Siehe auch Lambert Wiesing, Die Sichtbarkeit des Bildes: Geschichte und
Perspektiven der formalen Ästhetik, Reinbek 1997, 212.
3
Siehe Peter Hendricks, Sehsüchtig Sehnsüchtig, Göttingen
1998.
4
Ebd., 85.
5
Siehe auch Peter Sloterdijk, Sphären, Bd. 1: Blasen, Frankfurt a.M.1998,
337.
6
Teschis Tagebuch in Hendricks, Sehsüchtig, 90.
7
In Teschis Tagebuch werden die Orte ihres Aufenthaltes und ihrer Arbeit
nicht beschrieben.
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