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RAINER LIND MALEREI

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BETROFFENE ÜBER SICH



Betroffene über Sich
 
Die wissenschaftliche Beschäftigung mit dem Übergewicht als Thema sollte nicht dazu führen, daß man aus den Augen verliert, was für die tatsächlich betroffenen Menschen damit verbunden ist. Daher möchten wir auf dieser Seite originale Berichte betroffener übergewichtiger Menschen veröffentlichen. Diese sollen zum Einen den ebenfalls übergewichtigen unter den Lesern eine möglichkeit zum Vergleich der Situation und vielleicht auch zur inneren Aussprache ermöglichen, und zum Anderen auch mal den nicht übergewichtigen Lesern einen authentischen Einblick in den Alltag eines übergewichtigen Menschen geben.

Da dies Berichte sind, die uns von Lesern zugesandt wurden, möchten wir darauf hinweisen, daß es sich alleine um die Meinungen der (ungenannt bleibenden) Verfasser handelt. Diese entsprechen nicht notwendigerweise der Meinung der Seitenverantwortlichen.

Als ersten haben wir den folgenden Erlebnisbericht von Pit Van Calvin II:

Speckkummer & Kummerspeck - Gedanken vom Fettgefängnis aus


Es ist mir ziemlich egal ob ihr zustimmt oder nicht.

Ich kenne dieses herbei fantasierte Glücklichsein und den Zwang zur Verharmlosung des Fettseins in der Öffentlichkeit, kenne eure geistkarg verlogenen Sprüche über ,Innere Werte' und all den Mist den fast Jeder daherredet, aber fast Niemand persönlich einhält, und kenne diese heuchlerische ,Dick ist chic' - Kampagne, die da von den USA herüberschwappt.

Ich kenne viele Meinungen dazu, dass man dick glücklich sein können soll, angeblich, und ich mag auch erfolgreiche Dicke wie Marianne Sägebrecht und ihre tiefgängig - nachdenklich machenden Filme und lasse mich gern dazu belehren, dass es eben auch dicke Leute gibt, die es zu etwas bringen im Leben, ihr Dicksein okay finden oder damit keine Einschränkungen in ihrer Lebensgestaltung oder Selbstwertgefühl erfahren, auch wenn mir der volle Glaube fehlt, dass dem wirklich immer so sei.

Ich selbst hasse es, fett zu sein.

Wie ein Schwein auszusehen, und wie ein Schwein beschrieben zu werden.

Das Gelächter der Leute, die Angafferei, das Zeigen der Finger und das Kopfschütteln.

~ Mensch wie kann man sich bloß so fett fressen ? ~

Meinungen von Passanten.

~ Guck dir mal die fette Sau da an das gibt's ja wohl nicht ~

Doch.

Das gibt es.

Ich hasse das Fettgefängnis seit Anbeginn an.

Fett sein ist beschissen!
Es ist beschissen, in so einem Körper gefangen zu sein, und es sind die ganzen Nachteile beschissen, die man damit regelmäßig erlebt.
Es ist entstellend, eine Form von Behinderung.
Fettsein und die eigene Ohnmacht im Kampf dagegen sind für mich gute Gründe, mich selbst zu verachten, meine Unfähigkeiten darin zu verdammen, diesen Körper zu bezwingen, ihn so abzuändern, wie er mir wirklich hilfreich und nützlich wäre, wie ich mir gefallen könnte.

Es ist beschissen, nicht attraktiv zu sein.

Es ist beschissen, nie zum Tanz aufgefordert zu werden --- die dicken Damen unter uns können das vielleicht nachvollziehen.

Fett sein ist für mich eine Strafe der Natur, eine mich strafende, mir Lebensqualität und Lebensfreude stehlende Behinderung, mal abgesehen davon dass ich daran sowieso selbst Schuld bin - ja mir ist das schon klar - man ist bereits grundsätzlich dazu vorgestanzt, immer selbst Schuld zu sein, an Allem, was beschissen ist, nicht?
Das Fettsein habe ich anderswo schon oft erwähnt und wollte eigentlich nicht noch weitere Ausführungen davon schreiben, wie sehr enorm beschissen es noch beschrieben werden kann, so auszusehen, so beschaffen zu sein, oder nicht dagegen dauerhaft ankommen kann, das Problem mal eben einfach so zu lösen.
"Wenn Du mit Deinem Gewicht nicht zufrieden bist dann nimm doch einfach ab ", sagen mir Leute oft ... Leute, die keine Ahnung davon haben, wie man gerade das seit Jahrzehnten verzweifelt versucht.
So als wäre das eine reine Entscheidungssache, aber wer kennt sie nicht, diese leichten Sprüche, wie "Abnehmen fängt im Kopf an." Oder "Es muss klick machen"
Am Liebsten stellen diese Leute Einen doch als charakterschwachen Dummkopf dar, der es einfach nicht kapieren kann, wie einfach Abnehmen doch angeblich sei.
Ich schreibe hier darüber weil es mich sehr oft lähmt, diese Unfähigkeit zu besitzen.
Und weil es mich daran hindert, jenes Fettsein mit all seinen Nebenerscheinungen und Benachteiligungen, daran hindert diese Steigerung von Lebensqualitäten zu erlangen, die ihr mit Selbstwert oder Lebensbejahung verbindet.
Lieber würde ich tauschen - selbst wenn es bodenlos unverschämt und Kranke verhöhnend klingt - mit einer Person die dünn ist aber dafür eine schlimmere Krankheit hat, als das ganze Leben im Fettkörper zu verbringen.
Lieber an Krebs früh sterben, und einige wenige Jahre schlank verbracht zu haben, um einmal erfahren zu haben, was Spaß beim Surfen ist, oder einen 5 km Waldlauf durchzuhalten.
Wer würde sich nicht gern mal im Spiegel ansehen und feststellen, 'Da steht ein richtiger Mensch', anstatt jedes Mal ein Schwein zu sehen, ein unförmiges, ekelerregendes Etwas, das mich darstellen soll... das ich aber nicht bin, sondern in dessen Natur mein Ich gefangen ist.

Es ist beschissen, fett zu sein, oder dick, mollig, üppig ... vollschlank - welch ein lächerlich verzerrender Begriff!

Wieso nur verblümt ihr das denn noch so, als wolltet ihr verhindern damit ,zu direkt' zu werden, zu einer Volkskrankheit, einer Behinderung, die tausender Leben einschränkt?

Es ist fett, Leute, nicht ,nur ein bisschen gut gerundet' , wie Obelix sagen würde.

Und Andere sehen das so, auch wenn es sich nicht alle ständig zu sagen wagen.

Die sehen kein ,nettes Gesicht beim netten Mädel' sondern eine fette Sau, eine Seekuh, eine hässliche Planierraupe, und was sie sagen um das zu verschönern hängt einzig und allein am anerzogenen, kultivierten Umgang.
Und wenn man sich selbst mit der Brille Anderer betrachtet, dann wird man zum ,Selbstzerfleischer' abgestempelt?
Das soll mal einer verstehen - oder liegt es an der geheuchelten Zurede gegenüber dem kultivierten Umgang, können Menschen bei solchen Dingen nicht direkt bleiben, weil sie sich insgeheim wünschen, dieser kultivierte Umgang wäre ein steinernes Naturgesetz?

Euch Menschen soll verstehen wer will.

Warum könnt ihr das Kind nie beim Namen nennen, nicht nur in solchen Dingen - ihr sagt mir doch auch regelmäßig, wie ,krank' ich sei, wenn ich melancholisch schlussfolgere oder depressiv wirke - warum geht es dann nicht auch dort, wo ich mein Äußeres selbst so erkenne, wie ihr das für gewöhnlich so seht?

Ja, ich bin eine fette Sau.

Es gefällt mir nicht, dass es so ist.

Es gefiel mir nie, und wird mir nie gefallen, worauf ihr euren rosigen Arsch verwetten könnt!

Es tut mir leid, wenn ich euch so wie oft schon die schöne Sonntagslandschaft verbaut habe, oder als Schwabbelschwarte die Sicht auf die durchtrainierten, göttlich coolen Surfer am Strand versperrte.
Ich habe es mir, soweit ich dazu in der Lage bin, nicht so ausgesucht, so zu bleiben oder zu sein, ich habe mit aller Kraft versucht, diesen Körper formen zu lernen, und ich mag inzwischen dran zerbrochen sein, mir selbst egal geworden sein, aber noch immer kann ich mich nicht damit abfinden, diese fette Sau zu sein, oder nach psychologischen Idealgedankengängen sein sollen wollen zu sollen, ohne mich darüber zu beklagen!

Ich habe diesen Körper nie gewollt, und ich kann ihn beim besten Willen nicht schön finden, nicht chic oder okay, weil ich mit diesen Werten etwas gänzlich Anderes verbinde, Gesundheit eher, Attraktivität oder Verwendbarkeit als Werkzeug zur Lebenswertoptimierung, wenn man so will.

Mit einem fetten Körper kann man weder lange rennen, noch besonders gut Mountainbiken.

Windsurfen wird mir auf immer verschlossen bleiben - SCHEIßE - SCHEIßE - Möwenkacke! -- seht euch die Surfer doch mal an - da gibt's keine fetten Kröten drunter!
Na ja vielleicht sind nicht alle so cool wie die Typen auf Celluloid am Strand von Maui immer dargestellt werden, aber es zählt dass sie Surfen können und ich das nie werde, nicht mit dieser Behinderung.
Und das ätzt mich an, da reagiere ich angefressen bis Ultimo.
Mit diesem Fettgefängnis wären bestimmte Bewegungen und Kraftaufwendungen schon gar nicht im Ansatz zu schaffen, und das geht nicht erst beim Windsurfen los, sondern es reicht schon aus, eine längere Treppen - Etappe zu bewältigen, um zum Beispiel die Aussicht von einem Turm zu genießen.

Ich ätze mich selbst an - ja, so habt ihr das schon richtig verstanden!

Wobei ich nicht hinnehmen kann, dass dieses fette Schwein wirklich ich sein ( wollen ) soll.
Ich kann mich so nicht "selbst akzeptieren" wie manche Halodris das neuerdings sagen, wenn sie ihre Resignation positiv bewerten wollen.
Ich möchte dahingehend nicht so bleiben, wie ich eben bin.
Im Gegenteil, wenn ich könnte, würde ich gern Anderen dabei helfen, dieser Art eng begrenztem Schicksal zu entrinnen.

Und wenn es nur so viel wäre, als dass man die Lebensmittel - Industrie dazu bringen kann, 80% weniger Zucker und Fett in ihre Produkte zu stecken, sodass die Schwemme an Insassen des Fettgefängnisses nicht auch noch großflächig herbeigefördert würde.

Wer soll denn das noch bezahlen, eines Tages?

Wenn Kinder schon als Diabetiker aufwachsen, wenn die Lebensgrundlage Nahrung dafür sorgt, dass die Krankenkassen auf Dauer mit Schwerstbelastung zu kämpfen haben.

Folgebeschwerden und Krankheiten en Masse , doch die Verantwortung kann man ja dem Verbraucher in die Schuhe schieben, so ähnlich wie beim Rauchen und beim Alkohol eben auch.

Wir produzieren auf Teufel komm raus krankmachende Nahrung, aber ihr seid doch selbst Schuld, wenn ihr sie konsumiert.

So läuft der Hase.

So einfach machen es sich die Urheber einer Überfütterungsbranche.
Wo es sie doch reizen könnte, gerade mit einer gesundheitsorientierten Lebensmittelauswahl zu glänzen, oder zumindest dafür zu sorgen, dass die suchtfördernden Komponenten aus der alltäglich notwendigen Nahrung draußen bleiben!
Das wäre sicher Gift fürs Geschäft.

Schelte an die Zuckerhersteller und Fettverarbeiter belebt nicht gerade die Fresskonjunktur, oder nicht ?
Und den Tausenden der Übergewichtigen kann man schließlich vorwerfen, sie hätten sich Selbst nicht unter Kontrolle, es läge einzig und allein an der freien Entscheidung, oder gar daran, wie viel man isst.

Du bist, was Du isst - und damit Klage abgewiesen, müde belächelt ein Versuch sich an der Wurzel des Übels zu vergreifen.

Ach ja und wer sollte denn noch zur Kur, wenn es die ganzen Dicken nicht gäbe ?
Unterstützt die Lebensmittelindustrie nicht eigentlich die Kranken- und Kurhäuser in positiver Weise, indem diese regelmäßig mit den dicken Problemfällen beliefert werden, in nimmerendender, garantierbarer Zufuhr ?
Ist es nicht unverschämt von uns, an der Krankenpflege-Misere Teilschuld zu tragen, weil wir nicht gerne krank, nicht gerne dick sondern lieber gesund leben wollen?
Gäbe es nicht die ganzen Diabetiker und Adipositas - Fälle, gäbe es nicht die ganzen Spätfolgen, all die kaputten Bauchspeicheldrüsen, all die faulenden Beine, all die halb erblindeten und schließlich die massenhaft Unzufriedenen, die sich ihr Fett abtrainieren, absaugen, abnehmen und abtherapieren lassen wollten, wäre dann nicht die Hälfte aller dafür eingesetzten Fachkräfte arbeitslos?
Ist das einer der Gründe, weshalb wir unsere entstellten Körper ach so liebenswert befinden und uns so, wie wir sind, gefälligst auch annehmen sollen ?
Tolle Gedanken, die Einem da zu Gemüt steigen, nicht wahr ?
So sind sie eben, die Gedanken aus dem Fettgefängnis.

Direkt und ohne Witze, sternhagelblank und unkultiviert, wenn euch was dran liegt es so zu sagen. Sie machen wütend, traurig, wecken Unverständnis und regen zum Kopfschütteln über die verkorkste Welt an, in der wir leben.
Wie sehr ich die Folgebeschwerden des Übergewichts weshalb und in welchen Variationen noch beschissen finde, könnt ihr unter ,Mut zur Hässlichkeit' dann lesen.
Nicht zuletzt körperlich werden wir vom Fett kaputt gemacht.
Es frisst unsere Seelen auf, zerstückelt unsere Selbstwertgefühle und macht aus Lebenslust Lebensfrust.
Und ihr meint allen Ernstes, es sei nicht nachvollziehbar, warum daraus manchmal Lebensmüdigkeit entsteht ? ....



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