Field Recordings and Soundscapes

Am Anfang der See

DeutschlandRadio Berlin 2009, Götz Naleppa

Die Hardangervidda im südlichen Norwegen ist eine rauhe, von Gletschern abgeschliffene Hochebene. Hier trainierten die frühen Polarforscher für ihre Expeditionen, hier ermöglichte die Wasserkraft erstmals die Produktion von Schwerem Wasser, das für den Bau von Atombomben benötigt wird. Eine von norwegischen Wissenschaftlern errichtete Anlage in Rjukan wurde im Zweiten Weltkrieg heiß umkämpft und zerstört. Dieses Spannungsfeld zwischen urgewaltiger Natur und kurzlebigen menschlichen Eingriffen nutzt Werner Cee für ein akustisches Land-Art-Projekt. Der norwegische Perkussionist Terje Isungset setzt artifizielle Klänge in die Landschaft, bespielt vorgefundene Materialien, kommuniziert mit der vorhandenen Soundscape.

 

Die Kunde von den Klängen

WDR Köln 2012. Markus Heuger

Jede Tonaufnahme ist ein Abbild, nie das Geräusch selbst. Field Recordings sind immer Interpretation. “Dass die Dinge geschehen, ist nichts, dass sie gewusst werden, ist alles”, schreibt Egon Friedell 1927 in seiner Kulturgeschichte der Neuzeit. Werner Cee verzichtet in seiner Soundscape-Arbeit “Die Kunde von den Klängen” radikal auf die genretypischen Geräuschaufnahmen und setzt stattdessen auf die Stimmen von profilierten subjektiven Klang-KundschafterInnen und InterpretInnen, die berichten, was sie gerade hören. Aus den Chören der minutiösen Hörprotokolle entwickelt sich ein neues Klangpanorama.

 

Repercusión oder Die Hände de Che

Deutschlandradio Kultur 2003, Götz Naleppa

Kuba – Traumziel für Reisende, Mythos von der sozialistischen Revolution und Sehnsucht nach karibischer Leichtigkeit. Als Werner Cee 1998 nach Kuba reist, ist sein Bild unscharf. Drei Wochen lang erkundet er die Inselwelt mit dem Tonbandgerät. Er stößt auf die Geschichte von “Che” Guevaras Händen, die von der bolivianischen Armee als Beweis ihres Sieges abgeschlagen wurden. Klänge und Geräusche führen in eine Welt zwischen den Zeiten, in der Autobahnen von Pferdekarren befahren werden und der Prunk vergangener Zeiten längst verfallen ist. Werner Cee verdichtet die Originaltöne zu einer poetischen Komposition, setzt die Klänge aus den Straßen Havannas zu einem surrealistischen Gemälde zusammen und lässt konkrete Geräusche zu klanglichen Metaphern werden.

 

Istanbul Crescendo

Hessischer Rundfunk 2002, Christoph Buggert

Audio on Soundcloud

Eine Brücke über das Goldene Horn verbindet die beiden historischen Viertel von Istanbul: das alte orientalische Stambul und das 700 Jahre alte, europäisch geprägte Genuesenviertel Galata. Die Galatabrücke wurde zum zentralen Punkt meiner akustischen Begegnung mit Istanbul. Dieser Punkt zwischen den beiden Stadtteilen hat im Lauf einer langen Geschichte ein ständiges Crescendo erlebt. Die Stadt zu den beiden Seiten des Goldenen Horns ist gewachsen, Brücken sind entstanden, vergangen, wieder neu errichtet worden, die Bevölkerung hat sich vervielfacht, Geschwindigkeit und Dichte des Verkehrs haben sich erhöht, bis in die Gegenwart hinein, in der die Brücke unter dem Verkehr zu bersten droht. Wo die beiden Brückenhälften aufeinandertreffen, ist Ihre Verbindung unterbrochen, die Konstruktionselemente sind nicht fest miteinander verbunden. Und gerade hier materialisiert sich das konstante Rasen, wird sinnlich wahrnehmbar: Asphalt und Beton beben, Tonnen von Stahl schlagen gegeneinander. Hier scheint sich das Epizentrum zu befinden, das in konzentrischen Kreisen seine Wellen und Erschütterungen über das Stadtgebiet von Istanbul aussendet. Den einzelnen Kreislinien folgend soll mein Hörspiel den nie zur Ruhe kommenden und fortwährend veränderten Klängen der Stadt nachspüren.” (Werner Cee)

 

Ton der Luft

WDR Köln 2002, Markus Heuger

“Ton der Luft” ist eine Landschaftsmalerei mit Mitteln der akustischen Kunst. Schichtung, Akzentuierung, Kontrastierung, Mischung, Verwischen, Lasieren – Techniken, die üblicherweise in der Malerei angewendet werden, gestalten hier ein Hörstück. Im Gegensatz zur dokumentarisch-abbildenden Soundscape-Komposition wird bei “Ton der Luft” eine Klanglandschaft mit musikalischen Mitteln inszeniert. Analog zur Plein-air-Malerei entstanden alle Tonaufnahmen im Freien, unmittelbar in der Landschaft. Für ausgewählte Orte – ein verwilderter Steinbruchsee im Naturschutzgebiet in Leun an der Lahn, der Innenhof des alten Hofgutes Birklar in Lich etc. – wurde eine akustische Choreographie entwickelt. Hierbei erzeugte ein Chor als Akteur eine Vielfalt von konkreten Klängen und Stimmgeräuschen, die sich mit der natürlichen Landschaft verweben: Ein Wechselspiel von Soundscape und musique concrète entsteht. Realisiert wurde deshalb das Hörstück ausschließlich auf der Grundlage der reinen Mikrofonaufnahme. Zwar erinnern bewusst in der Komposition Partien an elektroakustische Musik, die Klänge sind jedoch nicht nachträglich im Studio manipuliert oder verfremdet worden, lediglich geschnitten und montiert. Das Stück verwandelt sich auf einer zusätzlichen Ebene zu einer akustischen Farblehre, in dem Texte aus Vassily Kandinsky “Über das Geistige in der Kunst” und eine Liste von Malpigmenten eingebettet werden.”

<<<<<