Tod und Frühling

Tod und Frühling

Eine sizilianische Trilogie der genreübergreifenden radiophonen Erzählformen von Werner Cee

I Misteri – Eine italienische Fieldrecording-Oper
La Mattanza – Die rituelle Thunfischjagd auf Favignana
Die Rückkehr der Proserpina – eine Ars Acustica-Pastorale

URSENDUNGEN SWR2
DO., 31.03.2016 22.03 Uhr Teil 1: I Misteri – (Hörspiel) 51 Minuten
SO., 03.04.2016 15.03 Uhr Teil 2: La Mattanza – (Feature) 49 Minuten
DI., 05.04.2016 23.03 Uhr Teil 3: Die Rückkehr der Proserpina – (Ars Acustica) 49 Minuten

In den Tagen nach Ostern ist auf SWR2 eine Trilogie von Rundfunkarbeiten des mehrfach preisgekrönten Klangkünstlers und Hörspielautors Werner Cee zu hören. Alle drei beschäftigen sich auf unterschiedlicher Weise mit Westsizilien, einem Ort am äußersten Rande Europas.

Sizilien ist alles und immer auch das Gegenteil davon: Arkadien und Apokalypse, Lärm und Stille, Idylle und Konfusion, Schatzkammer der Phantasie, Reichtum und Raub. Auf den Spuren der Identität dieser einerseits ganz speziellen, andererseits sehr europäischen Region hat Werner Cee Sizilien in einer Wiederaufnahme der Tradition der Romantik mehrfach bereist und im Tumult der Städte wie auch an entlegenen Orten Tonaufnahmen gemacht Entstanden sind dabei ein Hörspiel, ein Feature sowie eine Ars Acustica-Produktion.

Die Trilogie bewegt sich auf den Schauplätzen der Sage von Demeter und Persephone, durch die Stimmen und Klänge Palermos, durch Erdbebenruinen und Karfreitagsprozessionen, zwischen den Extremen des sizilianischen Frühlings, in dem Tod und Leben allgegenwärtig ist, taucht ein in groteske Unterwelten, die stets das tröstliche Versprechen von Licht und Leben bergen, und erzählt vom traditionellen Thunfischfang auf der Insel Favignana, die über viele Jahrhunderte das Überleben und den Zusammenhalt der Bewohner sicherten.

Texte u.a. von: Johann Wolfgang Goethe / Gaspare Balsamo / Werner Fritsch / Sergio Toscano / Ovid / Ugo Foscolo / Pino Veneziano /Alfredo Salafia
Das Ensemble “Torrent” (Apprendi/Balsamo/Cee/Hana) wurde für die Produktion gegründet: Rezitationen alter Mythen, Märchen oder Szenen aus dem sizilianischen Leben in Vergangenheit und Zukunft, traditioneller sizilianischer Sprechgesang Cunto, frei kombiniert mit zeitgenössischer Musik und Rock und Sound Art.

Produktion SWR Baden Baden 1915/16

Dramaturgie Hörspiel / Ars AcusticaTeil I und III Manfred Hess.  // Feature Teil II Walter Filz.

Vielen Dank für die freundliche Mithilfe an:  Davide Gambino / Enzo Giliberti / Ute Pyka / Renato Alongi / Bettina Obrecht / Giovanni Apprendi / Patrizia Manuguerra / Umberto Leone / Gaspare Balsamo / Ciaccomo Cuticchio / Stefania Orsola Garello / Premio Pino Veneziano / Pino di Rosa / Rais Slavatore Spataro / Maria Guccione / Guiseppe Guarrasi /  Francesco Rinaudo / Le Bande di  I Misteri Trapani, Banda di Favignana und Festino Palermo / Commune delle Egadi / Sovraintendenza dei beni culturali / Rainer Lind / Prof. Susanne Windelen / Prof. Jochen Fischer

 

aus der Süddeutschen Zeitung vom 30.3.16:

Höllischer Tumult

Werner Cees berauschendes Hörstück über Sizilien

Eine barocke und bombastische, eine überaus berauschende Sinfonie hat Werner Cee da hingetupft und hingeklotzt. Zart, aber doch kraftvoll, wuchtig, dabei nie grob ist sein dreiteiliges Hörstück „Tod und Frühling“ – eine Melange aus unterschiedlichen radiofonen Erzählformen. Deshalb ist es nur konsequent vom SWR, die Folgen an je einem Sendeplatz für Hörspiel, Feature und Klangkunst auszustrahlen; entsprechend heterogen sind die drei Teile formal gestaltet.

 Tod und Frühling ist eine weitgespannte Erzählung über Sizilien, vor allem über den Westen der Insel, nicht stringent auf ein Ziel hinführend, sondern unzählbare Assoziationen weckend. Das Stück basiert auf Klangaufnahmen Cees, die er während mehrerer Reisen gemacht hat. Das vitale Leben auf den Plätzen und in den Gassen ist zu hören, wehmütige Kantaten, sowie Musik, die an Tarantella-Tänze wie den Curdedda erinnert, und der sizilianische Sprechgesang Cunto. Das alles mündet immer wieder in orchestrale Werke – alles sehr exaltiert, sehr südländisch. Es gibt Stille, aber weitaus mehr Tumult, etwa die Karfreitagsprozession in Palermo.

Auch bei Werner Cee beginnt alles in der Antike, mit der Besiedelung durch die Griechen. Die Insel ist in Tod und Frühling ein mythologischer Organismus, mit einem eigenen Willen. Und die Trilogie eine Verführung ins Paradies, aber auch in die Hölle und ins Jenseits.

Stefan Fischer. Süddeutsche Zeitung

 

 

 

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I Misteri

Eine italienische Fieldrecording-Oper

Über Sizilien ist schon so viel Geschichte hinweggegangen, so viel ist passiert – und alles entlädt sich hier im Westen wie in einem Rausch, einem wilden Lebenstheater. Das alltäglich auf den Straßen Palermos zelebrierte Schauspiel, die Mysterien der uralten Karfreitagsprozession von Trapani, äußern sich in einer überbordenden Fülle von Stimmen, Klängen und Geräuschen, Musik, Gesängen und Lärm.

Eine Betrachtung dieser Kultur aus der nordischen Perspektive kann nur zur Odyssee werden – einen klaren Kurs zu halten, das ist angesichts all der Widersprüche, des turbulenten Lebens, nicht möglich.

In Trapani werden in der Karwoche  tonnenschwere Holzskulpturen durch die Straßen getragen, begleitet von Musikkapellen, die voller Inbrunst Trauermärsche spielen. Die schleppenden Rhythmen verbinden sich zu einem polyrhythmischen Ostinato,  zu dissonanten, wuchtigen, unwirklich erscheinenden Drones, bevor dann im Morgengrauen die Erschöpfung der Musiker wieder ganz andere, teils groteske Klangfarben in das Geschehen bringt……

Dazu kommen Street Recordings aus Palermo vom Festino Rosalia. Was klingt wie eine Zeitreise in die mittelalterliche Stadt wurde aufgenommen in einer glühend heißen Sommernacht 2015.

Akustische Fundstücke, die Stimmen Palermos auf Straßen und Märkten, die uralte Rezitationsform des „Cunto“ verbinden sich zu einem irrwitzigen, sehr diesseitigen Klangstrudel, einem Filmsoundtrack ohne Film mit Anklängen an Morricone, Charles Yves und die Bilder von Fellini.

Anhören auf Soundcloud

Audio Slide Show

 

Mitwirkende

Komposition und Realisation: Werner Cee

Musik: “Torrent” (Apprendi, Hana, Balsamo, Cee)

Tamburello-Solist: Giovanni Apprendi

Field Recordings der Prozessionen “I Misteri” und “Festino Rosalia”

Italienische Sprecherin: Stefania Orsola Garello

Deutsche Sprecherin: Caroline Junghanns

Weitere Stimmen: Gaspare Balsamo, Mimmo Cuticchio, Rosa Balistieri

Live Mitschnitte aus einem Puppenspiel und Konzert von Giaccomo Cuticchio

Textübersetzungen: Bettina Obrecht

 

 

 

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La Mattanza

Die rituelle Thunfischjagd auf Favignana. Eine Spurensuche.

Thunfische folgen auf ihrem Zug festen Routen. Jedes Frühjahr führt diese Route direkt an den Egadischen Inseln, also an Favignana, vorbei. So konnte hier im Laufe von 900 Jahren eine rituelle Form der Thunfischjagd entstehen, welche der gesamten Region Wohlstand brachte und einen Nährboden schuf, auf dem sich Musik, Dichtung, Gebet, Ritus, soziale Strukturen, kurz: Identität entwickeln konnte – und den Menschen war es unvorstellbar, dass sich dieser uralte Rhythmus von Fischwanderung und Fischfang jemals ändern könnte.

Doch die Moderne brachte innerhalb weniger Jahrzehnte den Niedergang.

Die vorerst letzte Mattanza fand im Jahre 2007 statt. In Favignana leben die Menschen heute nicht mehr vom Thunfischfang, sondern vom Tourismus. Die rasend schnelle, nicht umkehrbare Zerstörung von Identität zugunsten des schnellen Profits ist nicht einzigartig, aber hier tritt diese Entwicklung mit starken Bildern voller archaischer Symbolkraft zutage.

Es leben noch Zeitzeugen, zumeist in fortgeschrittenem Alter: In Kürze werden ihre Stimmen verstummt sein und das Gesicht der Insel Favignana endgültig verändert sein. Die alte Thunfischfabrik ist schon heute Museum

Mit:  Stefania Orsola Garello, Gaspare Balsamo, Torrent, Rais Salvatore Spataro, Maria Guccione, Giuseppe Guarrasi, Francesco Rinaudo, Francesca Gammino, Patrizia Manuguerra, Bastiano und Domenico Messino, Giuseppe Giangrasso u.a.

Text/Übersetzungen: Bettina Obrecht

Video zur Mattanza

Audio

 

 

Kapuzinergruft Palermo2. Kopie

III.  SWR Ars Acustica 5.4.2016

Die Rückkehr der Proserpina

Eine Ars Acustica-Pastorale nach sizilianischen Motiven

Das sizilianische Hinterland ist eine archaische, sonnendurchglühte, ernste Landschaft. Hier befinden sich die Schauplätze von Homers Odyssee und vom Raub der Proserpina, der Tempel der Ceres, die Kulissen allegorischer Gemälde aus der Romantik. Seit tausenden von Jahren ist dieses Land bewohnt und kultiviert, und Spuren der wechselvollen Geschichte sind überall zu finden.

Komponiert ist das Hörstück in Form eines Albums einfacher Klangbilder als moderne Pastorale. Die Geräusche erklingen in größtmöglicher Schlichtheit, daneben stehen panoramaartige Drones, gebaut aus Fieldrecordings und musikalisiert mit der elektroakustischen Ch’in, sowie einfache sizilianische Lieder.

Auch Ovids Beschreibung der vier Weltzeitalter klingt, als sei er einer solchen Landschaft entsprungen. Sein Text gliedert die vier Klangminiaturen in drei Gruppen, schafft eine übergeordnete dramaturgische Verdichtung, vielfältige Assoziationsräume und eine allmähliche Metamorphose vom Idyll zur Dystopie.

Die Klänge sind stets in ihrer Semantik gesetzt und so entstehen allegorisch- symbolische Klangskizzen. Sie erzählen von den Ruinen griechischer Tempel, von der durch ein Erdbeben zerstörten Stadt Poggioreale, vom Wind in dürren Disteln, von Brunnen in der flirrenden Mittagshitze, von kargem Weideland, von Tod und Frühling.

Mitwirkende

Komposition und Realisation: Werner Cee

Musik: Werner Cee. Elektroakustische Chin

Sprecherin: Caroline Junghanns
Gesang: Patrizia Manuguerra, Umberto Leone

Textbearbeitung: Bettina Obrecht

Anhören auf Soundcloud
Davide Gambino  http://www.davidegambino.net/

Ciaccomo Cutticchio http://www.figlidartecuticchio.com

http://www.premiopinoveneziano.org/

Gaspare Balsamo  http://produzionepovera.jimdo.com/biography/gaspare-balsamo/

Giovanni Apprendi  www.giovanniapprendi.com

Stefania Orsola Garello http://www.imdb.com/name/nm0307205/

Umberto Leone  https://www.facebook.com/umberto.leone.14

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