Der Mann mit der Kamera

Live Musik zu Dziga Vertov’s Stummfilm Klassiker

Dziga Vertovs „Der Mann mit der Kamera“ ist einer der aufregendsten dokumentarischen Experimentalfilme der Kino-Geschichte. 1928 in Moskau, Kiew und Odessa gedreht, zeigt er in revolutionärer Montagetechnik die Geschichte eines russischen Tages: Von der Morgentoilette bis zum abendlichen Kneipenbesuch sieht man Menschen bei der Arbeit, auf dem Markt, beim Sport, beim Trockenschwimmen am Schwarzen Meer, sogar eine gebärende Mutter. Mitten in diese virtuos montierten Aufnahmen stellte Vertov den Kameramann, der diese Bilder produziert – immer filmend, immer auf der Suche nach neuen Perspektiven. Denn Dziga Vertov wollte vor allem eins: „Das Leben so zeigen, wie es ist.“ In seinen Manifesten prangerte er jede Art von Inszenierung als Verfälschung an.

Aus heutiger Sicht ist ihm das ebenso geglückt wie misslungen. Gerade Montage- und Schnitttechniken haben sich zu einem sehr wirksamen Werkzeug für Inszenierungen und Dramatisierungen filmischer Inhalte entwickelt. Nicht nur in der Sowjetpropaganda, auch und gerade heute ist diese Filmtechnik in Nachrichten, Dokumentationen und natürlich auch Spielfilmen ständig präsent, dient nun genauso der Manipulation von Inhalten – ganz im Gegensatz zu Vertovs Traum, das Leben so zu zeigen, „wie es ist“.

Dennoch ist Vertovs Film ein wunderbares Zeitdokument, dessen Wirkung sich im Laufe der Zeit eher noch gesteigert hat. Der Zuschauer beobachtet den Alltag in einer Epoche, die unser Leben bis heute bestimmt: Die Zeit des industriellen Aufschwungs, der Hoffnung auf eine Zukunft, die sich dann ganz anders entwickelte, als die Menschen damals glaubten. Nun stehen wir am Ende dieser Epoche, blicken zurück. Von den Menschen, die wir im Film beobachten, ist wohl kaum einer mehr am Leben. Sie existieren nur noch als Licht- und Schattenwesen in Vertovs Film.

Und hier setzt die Filmmusik an, die niemals den Film kommentieren oder illustrieren, sondern dem Film nur weitere Ebenen hinzufügen kann.

Eine live-Instrumentalmusik ist wie eine Meditation über den „Lauf der Zeit“, über Vergänglichkeit und einen Alltag, der ebenso großartig wie banal sein kann. Dazu kommt eine Geräuschcollage, eine Musique concrète – Komposition, die zwar gleichzeitig, aber nicht synchron läuft. Naturklänge, Stadtlärm, Stimmen, Musikfragmente aus unserer Zeit, bearbeitet mit modernen Schnitt- und Montagetechniken, korrespondieren mit den Bildern aus vergangenen Tagen.

Und alle diese Ebenen reagieren beim Filmabend miteinander, vergleichbar einer chemischen Reaktion, deren Inhaltsstoffe nichts voneinander „ahnen“, bis zu dem Moment, in dem sie aufeinandert reffen.

Oder vielleicht doch?

Über den Film

Auschnitt mit Soundtrack von Werner Cee

booking: wernercee@t-online.de