Eröffnungsrede von Werner Cee

Rainer Lind habe ich vor vielen Jahren als Musiker kennen gelernt; erst später habe ich erfahren, dass er bildender Künstler ist und sich mit Zeichnung und Malerei beschäftigt. Er ist das, was man als transmedialen Künstler bezeichnet. Am Anfang seiner Arbeit steht jeweils eine Idee, ein Anliegen, ein Motiv; erst wenn dieses feststeht, entscheidet er, mit welchem künstlerischen Mittel, Werkzeug und Material sich seine Idee am besten transportieren lässt, wie man diesen Gedanken künstlerische Gestalt verleihen kann. In dieser Ausstellung ist es Fotografie, Video- und Medienkunst.

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WERNER CEE, 2015

Wer im Wald auf Pilzsuche geht, weiß, dass die sichtbaren Fruchtkörper nur einen ganz kleinen Teil des eigentlichen Pilzes darstellen. Der weitaus größere Teil davon, das Mycel, liegt unter der Erde verborgen. Und genauso verhält es sich in dieser Ausstellung: Wir sehen 14 Portraits. Sachlich, klassische Portraitaufnahmen: Gesicht, Hände, neutraler Hintergrund. Sofort drängen sich Fragen auf: Wer ist da zu sehen? Wieso hängt sein/ihr Bild in diesem Rathaus? Was steckt hinter dieser Auswahl von Persönlichkeiten?

Die Fotografien locken uns an. Doch die spärlichen Informationen auf den Bildern geben nur wenig Aufschluss über die gezeigte Persönlichkeit. Aber es findet sich ein QR-Code. QR-Code, das bedeutet „Quick Response“, also „schnelle Antwort“; das Zeichen kann von einem Smartphone oder Tablet gelesen werden. Dieser Code leitet uns direkt weiter zu einer Website, zum Videoportrait der fotografierten Person. Es ist ein technisches Mittel, mit dessen Hilfe sich das verborgene Mycel, der eigentliche Gesamtorganismus dieser Portraitreihe, sichtbar machen lässt.

Rainer Lind hat sich mit all diesen Personen und vielen weiteren zu einem Gespräch getroffen und dieses sorgfältig auf Video aufgezeichnet. Inzwischen sind um die 200 dieser Portraits entstanden. Er hält sich dabei im Hintergrund, lässt die Menschen ausführlich zu Wort kommen, ist voller Neugier, aber auch voller Respekt vor dem Gesagten. Die Portraits sind immer wohlwollend, zugunsten des vorgestellten Menschen gestaltet. Rainer Lind besitzt so viel echtes Interesse an unterschiedlichen Lebenswegen, dass die Gesprächspartner gerne über ihre Arbeit, ihre Anliegen, ihren Blick auf das Leben, ihre Lebensphilosophie berichten. Oft verändert sich das Gespräch sehr rasch, entwickelt sich zum ausführlichen Monolog. Das Videoportrait wird gerne als Forum für sehr persönliche Mitteilungen genutzt Etwas Interessantes geschieht hier: Die Gespräche entwickeln sich nie zur billigen Selbstdarstellung oder gar Angeberei oder Product Placement; sie verlieren sich nicht in Alltagspolitik oder jounalistischem Blabla, sondern erlauben tiefe Einblicke in Lebenswege und –philosophie.

Hier arbeitet der Künstler Rainer Lind nicht mit Farbe, Stift oder Musikinstrument, hier ist die Begegnung künstlerisches Mittel und Werkzeug – und zwar ohne jedes journalistische Kalkül, ohne Vorbereitung, ohne Regieplan, sondern rein mit der Intuition eines improvisierenden Musikers. Und das verleiht der Portraitserie etwas sehr Eigenes.

Aber nach welchen Gesichtspunkten trifft Rainer Lind die Auswahl seiner Gesprächspartner, welche Kriterien stecken hinter der Entscheidung, Personen in die Serie aufzunehmen? Auch hier ist die Intuition ein wichtiges Werkzeug. Es kann spontanes Interesse sein, eine Begegnung, die zum Wunsch führt, „mehr darüber zu wissen“. Oder auch: „davon habe ich gehört – welcher Mensch steckt wohl hinter der Idee? Mit ihm möchte ich mich gerne einmal zusammensetzen.“ Und noch ein wichtiger Punkt: Diese Menschen entstammen nicht einem bestimmten Milieu. Die Auswahl erfolgt mit anarchischer Offenheit, alle werden mit dem gleichen Respekt behandelt. So steht hier Professor neben Punker, Denker neben Träumer, lokale Größe neben internationaler Kapazität. Aber eines haben diese Menschen gemeinsam: sie sind Überzeugungstäter. Es sind keine Menschen, die „einfach ihren Job machen“ – nein, sie alle gehen ihrer Lebensaufgabe nach, häufig auf ungeraden, außergewöhnlichen Lebenswegen. Und alle haben sie etwas zu sagen. Wer sich die Zeit nimmt, Rainer Linds Portraitserie durchzusehen, wird eine Unmenge Entdeckungen machen, Interesse an Themen finden, die man vorher einfach übersehen hat.

Lassen Sie sich also anlocken von den fotografischen Portraits, die hier, vergleichbar den Fruchtkörpern von Pilzen, ausgestellt sind, und nehmen Sie die Möglichkeit wahr, das darunterliegende Mycel zu erforschen – diesen Nährboden, von dem unsere Kultur in ihrer ganzen Widersprüchlichkeit und Rätselhaftigkeit, auch in ihrer Fülle und Schönheit lebt, zu erkunden.

Werner Cee, Januar 2015

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