Django, Kurvenschneider, Jung-Freak, Tommes, Master of Desaster, Hausfreund
Von Josef Michael Ruhl , Vogelsberg

Ich traf ihn zum ersten Mal mit einem Kind im Arm  beim gemeinsamen Zivildienst im Laubacher Stift im Jahre 1984, er im Kindergarten, ich im Krankenhaus. Wir sind öfters nach dem Dienst mit der Ente durchs Gießener Land gekurvt und haben Sperrmüll eingeladen. Einmal wühlten wir uns durch verschiedene Haufen und atmeten aus einer Truhe übelriechenden Staub ein: es war Rattengift! Wir bekamen Panik und rasten zu einem Alternativ-Doktor nach  Ilsdorf. Als er uns sah und genau anschaute, wusste er was los war und gab uns eine Nummer aus Heidelberg, wo wir wegen dem Gift anrufen sollten. Das taten wir natürlich nicht!

Nach dem Zivildienst ging Thomas auf  Weltreise und kam mit dem Entschluss zurück, Architektur zu studieren, genau wie  ich- 10 Jahre früher ging er  nach Darmstadt an die TH. Zuerst lief es ganz gut, doch im Laufe der Zeit verlor er sich ein wenig, begann verschiedene Jobs anzunehmen und landete schließlich bei einem Architektur-Modellbaubetrieb. Das konnte er gut! Mit seinen schmalen, geschickten Fingern zauberte er die schönsten Architekturmodelle- immer wieder  auch  für unser Büro im Vogelsberg. Eine Zeit lang war er  in der Modellbauabteilung bei  Albert Speer Junior  in Frankfurt, wo er große Modelle für Projekte in der ganzen Welt  baute.

In der Nacht, als Bobo und ich unsren dritten Bürostandort im Vogelsberg (nach Wurstfabrik und Betonwerk) einweihten – einen  alten Güterbahnhof in Alsfeld – hat er seine erste Tochter gezeugt.  Er hatte sie in den ersten Lebensjahren oft bei sich im Dachstübchen in der Bark hausstraße, da Katharinas  Mutter ihr Studium erfolgreich beenden wollte. Irgendwann war der Kontakt unterbrochen und er konnte seiner Tochter nicht mehr nahe sein. Nach 5 Jahren Hin und Her schloss er sie endlich wieder in die Arme, was ihn in höchste Stimmungen versetzte. In den zeiten von Ohnmacht und Wehrlosigkeit  wurde ihm ein  weiteres Kind geschenkt, das er nur selten zu Gesicht bekam und einige Jahre später  kam er freudestrahlend zu Besuch und verkündete, dass er  unbekannterweise Opa geworden ist und das mit Fünfzig!  Seine starke Verbundenheit mit Darmstadt rührte vor allem daher, dass seine Kinder dort lebten und er immer drauf hoffte,  dass er sie zufällig treffen würde und dass  vielleicht alles wieder gut werde … Auf der anderen Seite konstatierte er einmal, „ dass ich völlig traumatisiert hier in Darmstadt vor mich hin siche- und nicht wirklich mein Leben auf die Reihe bekomme.“

Thomas war wahnsinnig hilfsbereit und agierte meist  selbstlos und hat so von seinen eigentlichen  Problemen abgelenkt. Er war zärtlich, verletzlich, manchmal irre und einsam. Erst nach mehreren Flaschen  Wein fand er sein Leben auch zum Lachen- zum Heulen. Er liebte das Landleben und wenn er  wiedermal  in meinem alten Bauernhaus verweilte, war es so, als wäre er schon immer dagewesen. Ganz besonders gerne machte er sich im „Gärtchen“  ein „Feuerchen“, holte sich  dann ein  „Fläschchen“ , trete sich ein „Zigarettchen“  um dann  ein kleines  „Niggerchen“ zu machen oder ein Schwätzchen“ zu halten. Immer hat er alles verniedlicht, was mich oft wahnsinnig aufregte. War dies nun eine Darmstädter Gewohnheit oder versuchte er alles möglich klein zu halten, auch die Sorgen?  Witziger weise hat er tatsächlich ganz dünne Zigaretten gedreht  und geraucht (keine Ernte 23 wie sein Vadder) und er kaschierte sein Konsum meist mit kleinen „Gläschen“, die auf wundersame Weise immer halb voll oder halb leer waren.

Seinen Lebensunterhalt hat er in den letzten Jahren mit den verschiedensten Baujobs und Gartenarbeiten  verdient, auf keinen Fall wollte er zu „Hartz-Vier“ hinabsteigen: vor diesem Fall hatte er große Angst und war wütend auf Leute, die sich dort „bedienten“. Nun ist er aufgestiegen in den Himmel der Unvergessenen.