Rainer Lind (*1954 Darmstadt) – Ein Kosmos der Figur-Chiffren

Die Verleihung des Georg-Christoph-Lichtenberg-Preises an Rainer Lind markierte einen Bruch nicht nur der Generation, sondern auch der Auffassung von Kunst. Zuvor: vier mal, obschon mit je eigenem Temperament, die Überführung der sichtbaren Welt in ein hier eher koloristisch-malerisch, dort eher grafisch-lineares Bildgefüge. Jetzt, zumal in der „Kraft-Trans“ genannten Serie mittel- bis großformatiger Zeichnungen, die Lind mehrere Jahre beschäftigt und mit der er überregional Ausstellungen bestückt hatte: kein wiedererkennbarer Gegenstand, stattdessen ein weich auf dem Papier sich ausbreitender Leinölfleck, darin rußig-fette Hiebe des Kohle- und feinere Spuren des Bleistifts sich bündelten und kreuzten und schlossen, um schließlich wieder auseinanderzustreben, bald fließend, bald stockend, doch stets abrupt, aggressiv, anarchisch wie ein Blitzschlag, eine Geschossbahn, ein Vulkanausbruch. Wenn Buntfarbe hinzutrat, dann als unwirsch ins gestische Geschehen eingespachtelter Batzen Weiß oder Zinnoberrot. Es lag nahe, das Motto „Kraft-Trans“ zu deuten als Metapher für die gewaltsame Entladung von Energie.

Also: Rainer Lind, der 1975 bis 1979 an der FH Darmstadt im Fachbereich Gestaltung bei Icke Winzer, 1980 an der Kunstakademie Düsseldorf bei Gotthard Graubner studierte und 1983 bereits den Preis der Darmstädter Sezession verbuchte – nur ein Beispiel für das Wiederaufleben informell-abstrakter Ausdrucksweisen? Schon die zweite Hälfte der achtziger Jahre sollte solch enge Kategorisierung Lügen strafen. Seit 1984 teilt Lind seine Woche zwischen dem Stundendeputat als Kunstlehrer am Oberstufengymnasium Bert-Brecht-Schule in Darmstadt und dem 1984 erstandenen Anwesen in Laubach-Altenhain im Vogelsberg, wo er zeitweise Pferde, Schafe und Ziegen unterhielt. Nicht zu vergessen das Atelier in einer umfunktionierten Halle, die ihm Raum bietet für noch größere Formate, noch mehr die Bildgestaltung anreichernde, unkonventionelle Materialien wie Schellack, Asphalt, Eisenoxyd, Perlleim. Vor allem jedoch sickerte die ländliche Umgebung motivisch sehr bald in seine Zeichnungen ein. Aus zunehmend sensibleren Liniengespinsten des Bleistifts erwächst, fragmentarisch oder in Gänze, ein figürlicher Kosmos: Menschen- und Tierköpfe, oft vom blanken Schädel kaum zu unterscheiden, dazu karge Chiffren für Berg, Baum, Haus, Turm, Schiff, Gestirne, Feuer, Spiralen wie von Rauch oder Sturm, Dunkel-Ballungen um eine ausgesparte helle Zone wie eine Höhle, in die ein Mann hineingestellt sein kann, manchmal umgeben von Tieren. Nach wie vor die Spannung zwischen zufällig und gesteuert Entstandenem, Chaos und Ordnung – doch plötzlich hält Einzug etwas Erzählerisches, mit dem vielfach variierten Hirt-und-Herde-Komplex gar ein Motiv mit langer christlich-kunsthistorischer Tradition. Aus den eremitisch einsam in die Landschaft gestellten Menschen sind mittlerweile heimatlos auf Wanderung begriffene Gruppen geworden, aus Zeichnungen auf Papier nächtlich blau und bleiern grau gehaltene Ölgemälde auf Leinwand.

Im Dialog und ergänzend zu seiner Malerei und Zeichenkunst allerdings hat Rainer Lind zuletzt auf sich aufmerksam gemacht: seit 2002, parallel zum Lehrerberuf, Dozent für Internettechnologie an der Universität Marburg, überprüft er gezielt die Neuen Medien auf ihr künstlerisches Potential. Das Ergebnis: mehrere hundert als Dialog gefilmte und ins Netz gestellte Video-Porträts (sprechende Gemälde?) von – auch, aber keineswegs ausschließlich dem Kulturbetrieb entstammenden – Menschen aus seiner persönlichen Umgebung. Lind: „Jeder Gesprächspartner ist eine kleine Welt für sich, in der sich stets auch die große Welt widerspiegelt.“

Rainer Lind erhielt den Georg-Christoph-Lichtenberg-Preis 1986.