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BÜRGERPARKVIERTEL – Mit Rainer Lind und seinen sensibel produzierten Videoporträts verspricht Liane Palesch dem Publikum der Ziegelhütte „einen etwas anderen Künstlerhaus-Abend“. Lind, der in Darmstadt und im Vogelsberg lebt und arbeitet, zeigt eine Auswahl seiner mehreren hundert Videointerviews, um drei Generationen vorzustellen. „Alles interessante Darmstädter Köpfe“, wie Liane Palesch betont, „die Videos sind eine wichtige Dokumentation, ein echter Kulturspiegel.“  Spannend sei, wie unterschiedlich sich die Personen über ihre Kunst äußerten, von der 18 Jahre alten Geigerin und Lucie Paradis, über den 54 Jahre alten Künstler Ariel Auslender bis hin zum über achtzigjährigen Musiker Norbert Grossmann.

Langsamkeit erweitert Ton-Zwischenräume

Interessant ist auch, wie nah der Betrachter an die Menschen herankommt: Man fühlt sich wie im Zwiegespräch. Normalerweise hat man nicht die Möglichkeit, auf Hände, Augen, Mund zu achten. Auch das macht die stillen Aufnahmen so einzigartig.

Besonders unter die Haut gehen die Videos vom Klavierspiel Norbert Grossmanns. Ihm zuzusehen, wie er mit seinen Fingern die Tasten streichelt, sanft drückt, wirkt wie ein Zauber. Linds spezielle Bilder offenbaren das Wesen, zeigen, mit was sich Menschen in ihren vier Wänden, wenn niemand dabei ist, beschäftigen. Durch Langsamkeit erweitert Grossmann die Ton-Zwischenräume. Der Betrachter erahnt, wie viel Übung dahintersteckt, vor allem, als der Meister mit vollem Körpereinsatz die Saiten des Instruments zum Schwingen und Klingen bringt: Er scheint jeden Winkel seines schwarzen Flügels zu kennen – und ist so mutig, alles auszuprobieren.

Linds Aufnahmen, bei denen lediglich Perspektiven und Farben wechseln, unterstützen das Hörerlebnis, weil nichts von der Hauptperson ablenkt. Auch Ariel Auslender bewegt zutiefst, indem er von Zweifeln erzählt, die ihn als angehenden Künstler plagten, oder wie es ist, nicht arbeiten zu können. Er erklärt, welche Rolle Anerkennung und Erfolg für einen schöpferisch Arbeitenden spielen oder wie es andere schaffen, Menschenmassen von ihrem Werk zu überzeugen.

Beim Zuhören wundert man sich, wie viel Intimes die Interviewten über sich preisgeben. Das erstaunt den Filmemacher jedes Mal auch selbst, weil er auch noch beim Schneiden vieles über die jeweiligen Personen erspürt. „Manchmal geht es gar nicht mehr so sehr um die Arbeit, sondern um das Leben selbst.“ In Linds Bildern hinterlassen die Menschen Spuren: Wie gebannt hört man der jungen Geigerin und Liedermacherin Lucie Paradis zu, die voller Lebensfreude und Arbeitslust steckt und mit großer Begeisterung und starkem Selbstvertrauen über ihre Träume und Karrierepläne spricht.