„Wieviel Lüge und Selbstbetrug braucht man, um das Chaos Welt zu verkraften“. So beginnt eine Pressemitteilung zu einer der letzten Aufführungen, bei der Hanno Regie führte: so ein Satz konnte Hanno auch bei einer Begrüßung gesagt haben. Vom Rand aus hat er die Welt gesehen und gewirkt. Zeitnah. Sich radikal positionierend, ohne sich zu schonen.

So ein randseitiges Podium ist fragil und ist oft in der Nähe, wenn etwas Wichtiges und Bedeutendes passiert: Regisseur, Leiter und Gründer der Theaterquarantäne. Lyon und Toulouse. Zusammenarbeit mit und Regieassistenz bei dem Teatro de La Candelaria, Bogotá. 1994-2004 Regie im Jugendclub des Staatstheaters Darmstadt. Während dieser Zeit drei Einladungen zum Theaterfestival der Jugend nach Berlin.

Seine Mitstreiter waren junge Menschen, Jonas Zipf zum Beispiel. Bis heute, Freya, Jakob. David Gieselmann spricht es aus, was es bedeuten kann sich in der Nähe von Hanno zu bewegen … (R. L.)

David Gieselmann zu Hannos Tod

Liebe Freundinnen und Freunde – wir trauern um Hanno Hener.

Es ist so entsetzlich traurig.

Und auch wenn ich es in den letzten 24 Stunden vielen Leuten mitgeteilt habe und es im Moment hier hin geschrieben habe, fühlt es sich immer noch so an, als müsste und könnte das ein Irrtum sein. Denn für mich, für viele war Hanno mehr als ein Freund, ein Regisseur, ein Festival-Erfinder, ein Weltreisender, ein Darmstädter, eine Quelle guter Laune und Lebensfreude, der lebendigste Mensch, den ich kenne, der unmöglich tot sein kann. In den letzten Stunden der Trauer ist mir klar geworden, dass er durch seine Art, durch das was er tat, eigentlich vieles, was ich bin, Theaterautor zum Beispiel, ohne ihn nicht geworden wäre.

Tausende Bilder. Er hatte mal einen Aktenkoffer, auf denen er zwei Hosenklemmen zum Radfahren geschraubt hatte, so konnte er eine Rolle Doppelkeks an den Koffer ranklemmen. Zu seinem Fünfzigsten holten wir ihn mit Datterich-Express ab, als er in diese Partytram stieg Hanno_Henerund uns alle sah, wirkte er glücklich, so viel Unfug in die Welt gesetzt zu haben. Seine Begegnung mit Mick Jagger, den er über alles verehrte – an der Loire: Als er spazieren ging, ich glaube mit Guido, und eine klapprige alte deux chevaux auf sie zuknatterte, der Fahrer, Mick Jagger, das Fenster der Ente hochklappte und sagte: „Il faut quitter!“. Diese Episode hat er mir so oft erzählt, dass ich inzwischen sicher bin, dabei gewesen zu sein. Hanno und ich spät nachts in Madrid, plötzlich sagt es zu mir: „David, Du bist mit Abstand mein schlechtester Spanischschüler , und jetzt redest du hier fließender als ich.“ Und und und.

Ich habe ihn ca 1986 kennen gelernt. Er kam damals nach vier Jahren aus Kolumbien nach Darmstadt zurück und begleitete die Schultheater-Gruppe des Justus-Liebig-Schule mit einer Inszenierung von Bernhard Balkenhol von Ivan Golls „Methusalem“ nach Kassel, eine chaotische, wundervolle Reise. Er übernahm dann die Theater AG von Bernhard, und ich habe mich feierlich von ihm verabschiedet, denn ich wollte in die Politik – in die Schülervertretung. Hanno verabschiedete mich mit einem schelmischen Grinsen. Er wußte besser als ich, dass ich wiederkommen würde, raus aus der Politik, zurück ins Theater. Er sollte Recht behalten. Ich habe mit ihm dann als Schauspieler gearbeitet, noch als Schüler, später als Zivi, noch später als Autor hat er meine Stücke inszeniert – am Unvergessensten „Quarantäne“ mit dem Jugendclub vom Staatstheater Darmstadt, das Stück, nach dem sich seine Theatergruppe bis heute nennt. Hanno inszenierte aber auch den ersten Text, der überhaupt je von mir auf einer Bühne gespielt wurde – „Ene Dene Dotz“ – im Achteckhaus, ich denke mal, das war so 1997. 2005 dann hat er mich sogar noch mal als Schauspieler im „Datterich“ engagiert, was für eine wundervolle Zeit. Jede seiner Theater-AG-Generationen eigentlich spaltete sich nach dem Abi in eine freie Theater-Gruppe, unsere hiess „Oteco Derefa“ – es war dies die Obduktionstheatercompanie der Entfunktionalisierung des Absurden, was für ein dämlicher Name, das Ergebnis eines rauschhaften, glücklichen Probenwochenendes an der Loreley.

Es gab diese Truppen, die plötzlich keine Schüler mehr waren, aber immer noch mit Hanno Theater machen wollten, in vielen Generationen, über uns und in noch vielen mehr nach uns. Viele, sehr viele sind durch Hanno in Theaterberufen gelandet – Tim Lang, Nicola Schößler, Christiane Isele, Leonie Brandis, Wolfgang Vogler, Guido Lang, Katharina Ruland, Steffen Klewar, Mathias Znidarec, Sascha Weitzel, Harald Koch, Jonas Zipf, Ben Baur, Elena Garcia-Gerlach, Henning Hartmann, Clé Braun, Flo Mania, Steffen Link, Larisa Teuber – das sind nur die, die mir hier so eben einfallen, man verzeihe mir, wenn ich jemanden vergessen habe, und unabhängig davon hat er natürlich nicht nur diejenigen geprägt, die auch beruflich im Theater gelandet sind.

“Ich bin glücklich, Hanno nie aus den Augen verloren zu haben. Während ich über die Jahre immer wieder mal an mir zweifelte, kam ich nach Darmstadt und schaute mir seine Sachen an. Ich musste erkennen, dass sein Theater im verrückter wurde, wilder, abgedrehter, freier, und Hanno schien auch nicht zu altern. Eher rückwärts. Dieses Jahr im Sommer haben wir ein Stück zusammen für das Sprungturm-Festival geplant, das wir dann aus organisatorischen Gründen in den nächsten Sommer verschieben mussten.”

Ich weiß nicht, ob ich ohne Hanno auch zum Theater gekommen wäre, vermutlich schon, die Liebe dazu liegt in der Familie, aber ich würde anders über das Theater denken, ich würde anders für es schreiben, ich würde anders sein. Vieles von dem, was Theater kann, habe ich von ihm gelernt, aber auch, was Freundschaft sein kann, Zusammenhalt in einer Gruppe, Solidarität, Vertrauen oder einfach nur spinnertes Miteinander. Es ist so: Hanno ist ein Teil meiner Identität, und das macht es so verdammt entsetzlich, dass er tot ist. Das gibt aber auch Grund zu der Annahme, daß wir ihn nicht vergessen werden, denn gemessen an den Gesprächen, die ich gestern nacht und heute den ganzen Tag über geführt habe, Gespräche mit fassungslosen FreundInnen und Bekannten, bin ich ganz definitiv nicht der einzige, der ihn geliebt hat. Er fehlt, es ist falsch, daß er tot ist, ich bin ganz und gar dagegen.

David Gieselmann 25.11.2017

David Gieselmann, 1972 in Köln geboren, studierte von 1994 bis 1998 Szenisches Schreiben an der Hochschule der Künste Berlin und inszenierte zu der Zeit erste eigene Stücke (u.a. Ernst in Bern) in der freien Theaterszene Berlins. 1999 war er zur “International Residency of Playwrights” sowie zur “Week of New German Playwrights” am Londoner Royal Court Theatre eingeladen. Dort wurde 2000 sein Stück Herr Kolpert uraufgeführt (nominiert für den Autorenpreis des Heidelberger Stückemarktes), das auf zahlreichen deutschen Bühnen sowie u.a. in Skandinavien, Italien, Griechenland, Frankreich, Polen, Australien und den USA nachgespielt wurde. 1999 produzierte DeutschlandRadio Berlin sein Hörspiel Blauzeugen, das zum “Hörspiel des Monats” gewählt wurde und 2000 bei der “Woche des Hörspiels” an der Berliner Akademie der Künste den Publikumspreis erhielt; seine Hörspiel Der Android (2001) und Caruso duscht (2006) wurden vom WDR produziert. Außerdem schrieb David Gieselmann das Libretto für die Oper Onyx Hotel (Musik: Alexander Kukelka), die 2007 in der Regie von Christian von Treskow am Theater Erlangen uraufgeführt wurde. Sein Stück Über Jungs wurde mit dem Jugendstückpreis des Heidelberger Stückemarkts 2013 ausgezeichnet. David Gieselmann lebt in Hamburg.