Manons Oma

9783789144011-de-300

Hardcover Oetinger, 1994 ISBN-10: 3789144010

TB: dtv junior ISBN-10: 3423704608

Manons Oma ist eine großartige Frau. Sie macht den besten Kartoffelsalat und hat immer Zeit für Manon, wenn die aus der Schule kommt. Aber allmählich verändert sich Oma. Aus kleinen Fehlern – die Brille und das Portemonnaie verlegen – werden große: Oma verwechselt Salz und Zucker, sie vergisst, wo sie wohnt, sie vergisst und verlernt nach und nach alles, was sie einmal wusste und konnte. Ist das überhaupt noch Oma?

Kirsten Boie über “Manons Oma”:

“Behutsam, grenzenlos erschrocken, in keiner Formulierung sentimental und in ihrer präzisen Beobachtung fast unerträglich genau lässt Bettina Obrecht die dreizehnjährige Manon von den letzten fünf Jahren mit ihrer Oma erzählen: Von den allmählichen Veränderungen, kaum wahrgenommen, zunächst schleichend, von allen auch gerne verdrängt, wegerklärt; lässt sie von der Hilflosigkeit und Verwirrung der Angehörigen sprechen, die dem unaufhaltsamen Prozess des geistigen, schließlich auch körperlichen Verfalls nichts entgegenzusetzen haben; macht keinem Vorwürfe, als schließlich kein anderer Weg mehr bleibt als das Pflegeheim, und zögert doch nicht, auch dieses Heim und seine Bewohner schonungslos zu beschreiben; zeigt Manons Erschrecken, als von der vertrauten Oma, ihrer besten Freundin, nichts bleibt als eine ihr gänzlich fremde, hässliche, verzweifelte, sogar aggressive alte Frau; lässt sie von ihren Versuchen erzählen, jeden Besuch bei der Oma zu vermeiden und von ihrem schlechten Gewissen; schildert Manons Erleichterung, als die fremde Frau schließlich stirbt, weil sie dann doch endlich wieder an ihre Oma denken kann, wenn sie an ihre Oma denkt, an die echte, wirklich Oma; schildert, wie Manon sich dieses Gefühls schämt, und beschließt das Buch mit dem Augenblick, in dem Manon endlich trauern kann, ein Gefühl, das weiß ja jeder, der einen nahestehenden Menschen über Jahre auf diesem Weg begleitet hat, das eigentlich schon viel früher, mit dem Beginn des Abschieds hätte einsetzen müssen und dies doch niemals darf. (…) Dieses Buch (…) gab in seiner Ehrlichkeit sogar etwas wie Trost: Weil es die immer wieder unbegreifliche Tragödie am Ende des Lebens mit den Augen eines Kinder haargenau so schilderte, wie sie war, ohne Erklärung, ohne Hoffnung, mit all der dazugehörigen Verzweiflung, einfach als das, was sie ist: Der letzte, nicht zu korrigierende Bestandteil des Lebens, und gerade deshalb in ihrer Grausamkeit so schwer zu fassen und überhaupt nicht zu akzeptieren.

(…)

Dass Manons Oma ein Kinderbuch ist, steht außer Zweifel. Kinder können es verstehen und Kinder können sich damit identifizieren. Gar nicht so selten können sie sogar lachen. Trotzdem habe ich nicht oft ein so präzises, wunderbares Buch über allmählichen Verfall und Sterben gelesen, auch nicht im Bereich der Erwachsenenbelletristik. Das, was für mich die hohe Kunst der Kinderliteratur ausmacht, die ja fast nicht zu erreichen ist, weil zwei kaum vereinbare Ansprüche miteinander vereint werden müssen – eben der, dass ein Buch einerseits wirklich Literatur ist (wie auch immer wir das nun genau definieren wollen) und gleichzeitig trotzdem auch Kinder erreicht und fasziniert – , genau dies leistet dieses Buch mit einer traurigen Leichtigkeit. 

 

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