Die heute seinen Hundertsten offiziell feiern, vor allem
in der Geburtsstadt Augsburg und in Berlin, wo er sich als Theatermann durchsetzte,
müssen vorsichtig sein: Bertolt Brecht läßt sich von Staats
wegen schlecht reklamieren. Er hat seine Position ex negativo zuversichtlich
so definiert: "Die Herrschenden saßen ohne mich sicherer. Das
hoffte ich."
Gegenüber bestehenden Ordnungen jeder Art war er skeptisch, "alles
braucht Änderungen«, ist ihm Arbeits- und Lebensmotto gewesen.
Nicht immer akzeptiert wurde es in der DDR, von deren Version sozialistischer
Praxis er während der letzten Lebensjahre (zu) sachte Abstand nahm,
und im Westen nur als theatralische Rhetorik. Anders als Erwin Piscator,
sein bedeutendster Mit- und Gegenspieler im Theater der Weimarer Republik,
der Westdeutschland vorzog, hatte sich Brecht nach der Rückkehr aus
dem amerikanischen Exil für den Osten entschieden -eben weil er unter
den Bedingungen des Sozialismus, das war sein Irrtum, die besseren Voraussetzungen
für eine Veränderung der gesellschaftlichen Verhältnisse
in Deutschland erwartete. Nach dem Bau der Mauer durch die DDR 1961 wurden
Brechts Stücke an vielen deutschsprachigen Bühnen im Westen,
das war der Fehler auf der anderen Seite, politisch
boykottiert (gar nicht in Frankfurt, am längsten in Wien), und zwar
auf Betreiben von Zensoren gerade aus denjenigen Parteien, die dem Stückeschreiber
zu huldigen jetzt entschlossen sind. Sie sollten ihre älteren Ansichten
nicht ganz unterschlagen, damit die Heuchelei jedenfalls nicht überhandnimmt.
Schwierigkeiten also für einen Staatsakt. Aber seit langem auch
für die Rezeption des dramatischen Werks auf der zeitgenössischen
Bühne. Zwar sind für diesen Geburtstag Brechts weltweit 171
Aufführungen seiner Stücke angekündigt - jedoch möchte
man die meisten davon lieber nicht sehen. Schon die (vom ZDF und dem Suhrkamp-Verlag
veranstaltete) Feierstunde im Frankfurter Schauspiel am vergangenen Sonntag
konnte - bis auf wenige Augenblicke, in denen für ein paar Takte
wirklich Aktualität gewonnen wurde - einen Eindruck davon geben,
wie sehr manche Thesen Brechts und viele der Formen ihrer Darstellung
sich verbraucht haben. Genau genommen ist Klaus Michael Grübers Inszenierung
von Im Dickicht der Städte, in Frankfurt 1972, die letzte gewesen,
die eines der Hauptstücke des Dramatikers Brecht, freilich ein frühes,
auf eine überraschende, neue, gegenwartsbezogene Weise hat sichtbar
werden lassen. Die Hermetik der Dramen, der ausgreifenden Parabeln wie
der enggeführten Lehrstücke, hat deren Spielbarkelt ebenso behindert
wie der längst naiv sich ausnehmende Glaube an die Veränderbarkeit
der Welt mit den Mitteln der Kunst. Man muß hier allerdings sehen,
daß die Stücke - wie auch die Lyrik schon
ab der Mitte der zwanziger Jahre - von der Ausein-andersetzung mit dem
heraufziehenden Faschismus nicht abzulösen sind: Das ist ihre Kraft,
aber eben eine historische. Dabei ist Brecht neben Stanislawski in diesem
Jahrhundert der einzige, der dem Schauspieler ein lehr- und lernbares
System der Darstellung vergangener wie gegenwärtiger Figuren entwickelt
hat. In die Rolle habe der Schauspieler nur so weit sich (im Sinne Stanislawskis)
"einzufühlen" wie es die plausible Vorführung der
entsprechenden Figur verlange, die als vorgeführte kenntlich werden
müsse, damit dem Zuschauer die Veränderbarkeit einer Haltung
als Möglichkeit für den eigenen Haltungswechsel plausibel werden
könne. Damit will das Theater über sich selbst hinaus, will
es einwirken auf die Gesellschaft, in der es spielt. Der Unterschied zu
dem (kaum weniger hermetischen) Werk Samuel Becketts, des anderen großen
Theaterdichters in diesem Jahrhundert, liegt nicht so sehr in der Absicht,
die für beide die Rettung des Subjekts ist, Rettung vor dem Untergang
in den Verhältnissen, wie sie sind, als in der Vorstellung von dem
Weg zu diesem Ziel: Brechts Theater versteht sich als tendenziell prospektiv,
es entwirft Erwartungen an eine (machbar bessere) Zukunft, während
Beckett die Würde des Subjekts nur zu behaupten noch imstande ist
aus einem Akt der Erinnerung, mithin retrospektiv. Brecht setzt auf ein
Gelingen, nicht unbedingt näher an den Erfahrungen der Epoche, aber
von ihnen anders erfaßt und bestimmt, rechnen die Figuren Becketts,
Untergehende alle, jederzeit mit dem Scheitern: Das ist gerade ihr Triumph.
Derjenige des Theaters von Brecht müßte erarbeitet werden
mit Versuchen einer experimentellen Annäherung an die Stücke,
mit dem Mut auch zu freien, bis in die Paraphrase reichenden Adaptionen
wie er sie selber an den Vorlagen anderer Dichter praktiziert hat. Indes
ist das dramatische Werk von den häßlichen Erben derzeit noch
zu stark blockiert, als daß solche Formen des Umgangs schon möglich
wären. So steht es jedenfalls um den Theatraliker Brecht nicht gut,
und auf absehbare Zeit wird sich daran wenig ändern. Die ganze Feierei
seines Hundertsten hat auch etwas von dem Zuruf an den Pianisten im "Bilbao-Song":
"Joe, mach' die Musik von damals nach". Aber auf dem Tanzboden
wächst das Gras.