Schulprogramm. Kunst.

”Der Geist der Philosophie ist im Künstler wahlverwandt wirk­sam…”
Karl Jaspers


Künstler setzen sich in besonderer Weise mit unserer Wirklichkeit auseinander.
Dabei entsteht Kunst: Bilder, Skulpturen, Fotos, Filme, Aktionen und vieles mehr.
Bildende Kunst, um die es im engeren und erweiterten Sinne in unserem Unterrichtsfach geht, unterscheidet sich in Form und Methode deutlich von den gängigen Verfahren der Weltaneignung in Geistes-, Sozial- und Naturwissenschaften. Viele der in der Schule bis dahin eingeübten Vorgehensweisen und Gesetzmäßigkeiten sind nur bedingt geeignet, sich dem Wesen der Kunst mit seinen teilweise anti-normativen, individualisierten und eigenwilligen Intentionen, Methoden und Verfahren zu nähern. Zur Eigenart von Kunst zählt auch noch, dass sie sich immer wieder selbst in Frage stellt: Ständig wechseln die Konzepte und Kunstbegriffe. Im Prinzip liegen also jedem Kunstwerk, besonders in der Moderne und der Gegenwartskunst, immer wieder neue, eigene “Gesetzmäßigkeiten” zugrunde.


Unterrichtsmaterial. Vorgaben und Ergebnisse. Fächerübergreifend. Multimedia



Trotz dieser “Anarchie” in der Kunst, die sich bei näherer Betrachtung offenbart, lassen sich im Überblick, und besonders im Rückblick, auch Parallelen und Gemeinsamkeiten von Kunstwerken aus einer Zeitepoche entdecken, die man “Stilrichtung” nennt. Sich “Kunststilen” mit einfachen normativen Methoden zu nähern, z.B. durch Abhaken einer Liste von gelernten Stilmerkmalen, liegt in der Schule zwar nahe, kann aber einem tieferen Verständnis von Kunstwerken nicht gerecht werden. Genau diesem Paradox, mit schulischem Ordnungssystematik (Kunsttheorie, Kunstgeschichte) für etwas nicht systematisch Einordbares (Kunstwerk) echtes und tieferes Verständnis bei SchülerInnen zu wecken, wollen wir uns im Fach Kunst mit theoretischer Reflexion in Verknüpfung mit künstlerischer Praxis stellen.


ENTWURF: EVA WOLF, 2013

Zu Beginn, in der Einführungsphase E1, geht es im Fach Kunst ersteinmal darum, aufbauend auf Vorkenntnisse der SchülerInnen aus der Sekundarstufe I, Möglichkeiten der Wahrnehmung und Darstellung anhand exemplarischer Beispiele aus der Kunstgeschichte und in künstlerisch-praktischen Übungen weiterzuentwickeln. Aspekte wie Form, Proportion, Plastizität, Materialität, Raum und Perspektive sollen zunächst im Sinne einer naturalistischen Darstellung von Welt wahrgenommen werden können. Einerseits soll so das bewußte “Sehen” geschult und anderseits tradierte zeichnerische und grafische Darstellungsmethoden erprobt werden; aber auch eigene experimentelle Verfahren z.B. der Zeichnung sollen individuell entwickelt werden.


Aufbauend auf diesen Grundlagen, geht es dann in E2 darum, Bildanalyse- und Bildgestaltungsverfahren, sowie malerische Techniken kennenzulernen und an eigenen Bildwerken auszuprobieren, und schließlich ein eigenes ästhetisches Urteilsvermögen zu entwickeln. Langfristige künstlerische Projekte sollen dabei eigenständige, vielschichtige ästhetische Erfahrungen fördern. Die Intensität der Auseinandersetzung im konkreten künstlerischen Prozess am eigenen Werk sehen wir als wichtigen exemplarischen Lernprozess der SchülerInnen; auch wenn das zunächst zu Lasten der Vollständigkeit eines allgemeinen Überblicks geht.


Da die fachlichen Voraussetzungen durch die vielen verschiedenen Schülerbiografien zu Beginn der Einführungsphase im Fach Kunst sehr heterogen sind, geht es hier also darum, Grundlagen künstlerisch-gestalterischen Arbeitens und theoretischer Reflexion aufzuarbeiten und soweit zu entwickeln, dass in Kunstkursen der Qualifikationsphase darauf aufgebaut werden kann.
Vierstündige Vor-Leistungskurse bieten den SchülerInnen zudem die Möglichkeit, sich auf die speziellen Anforderungen eines Kunst-Leistungskurses der Qualifikationsphase vorzubereiten.


In der Qualifikationsphase Q1 bis Q4 sollen sich die SchülerInnen, aufbauend auf ihren exemplarischen Erfahrungen künstlerischer Gestaltungsprozesse in der Einführungsphase, nun systematisch mit den verschiedenen Gebieten der freien und der “angewandten” Kunst auseinandersetzen. Zudem soll Kunst nun auch im Kontext kunsthistorischer, kunsttheoretischer, gesellschaftlicher und politischer Entwicklungen sowie seiner kulturellen Funktion erörtet werden, denn eine angemessene Reflexion zeitgenössischer Kunst ist nur vor dem Hintergrund des Verständnisses historischer Kunst möglich. Kunst soll so nicht als autonome Erscheinung gesehen werden, sondern auch als ästhetische Artikulation einer Zeit, wobei die künstlerische Arbeit mit Interessen der Gesellschaft und des Kunstbetriebs zusammentrifft. [Vgl. Lehrplan Kunst, Hess. Kultusministerium, 2010]

Auch in der künstlerischen Praxis sollen die SchülerInnen sich nun mit Themen im komplexeren Sinne auseinandersetzen, indem die Reflexion der eigenen Person, gesellschaftlicher Verhältnisse und künstlerischer Konzepte zu eigenständigen, originellen und experimentellen Werken führen.

In den vier Halbjahren der Qualifikationsphase sind jeweils unterschiedliche Schwerpunkte gesetzt, die auch die große Bandbreite des Fachs Kunst deutlich machen:

In Q1 > Zeichnung, Druckgrafik, Malerei, Plastik
In Q2 > Fotografie, Typografie, Grafik-Design, Web-Design, Film, Multimedia
In Q3 > Architektur, Produkt-Design
In Q4 > Zeitgenössische Kunst, Raumistallation, Medienkunst, Aktionskunst

In allen Schwerpunkten bieten sich, neben Praxis-Übungen und theoretischer Reflexion, längerfristige künstlerisch-praktische Projekte an, die es den SchülerInnen ermöglicht, eigene Ausdrucksformen zu erproben und anhand von freien künstlerischen, fotografischen, grafik-designerischen, filmischen, multimedialen, performativen, produkt-designerischen oder architektonischen Gestaltungsprozessen nachhaltig zu vertiefen.

Eine besondere Form der projektartigen künstlerischen Arbeit bietet die “Besondere Lernleistung”, die SchülerInnen als fünftes Prüfungsfach einbringen können, und die im Fach Kunst in Form von z.B. Malerei-, Fotografie- oder Film-Projekten über einen Zeitraum von 7-8 Monaten durchgeführt werden kann.

Kunst ist eine menschliche Äußerung, die auf visuelle und konzeptionelle Wirkung abzielt. In diesem Sinne ist die Fachschaft Kunst bemüht, die künstlerischen Produktionen der SchülerInnen in Ausstellungen im Schulgebäude zu präsentieren. Einerseits ermöglicht dies den SchülerInnen ihre Darstelllungsabsicht mit der Wahrnehmung Anderer abzugleichen, andererseits wird so eine Wertschätzung für Selbstgeschaffenes sowie Einsicht in die Grundfragen kuratorischer Verfahren aufgebaut.


DR. MICHAEL DRABE, Schulinspektion

Über den schulinternen Rahmen hinaus reicht die Teilnahme an Wettbewerben für Schüler-Kunstprojekte; hier wird, wenn möglich, versucht, Wettbewerbsthemen mit Kunst-Unterrichts-Schwerpunkten zu verknöpfen. Mit Wettbewerbsteilnahmen regionaler und überregionaler Ausrichtung in Bereichen wie Fotografie, Architektur oder Film sollen die SchülerInnen mit öffentlicher Wirkung, Wertschätzung, aber auch Kritik jenseits einer schulischen Bewertung Erfahrung sammeln.

Darüberhinaus gehören regelmäßige Exkursionen zu lokalen, regionalen und überregionalen Ausstellungen zum festen Bestandteil des Kunst-Unterrichts. In der Begegnung mit Originalen im Museum, mit Kunstinstallationen in Galerien oder z.B. der “Documenta”, oder mit architektonischen Bauten der Umgebung kann Kunst über die mediale Vermittlung hinaus nochmal greifbarer gemacht werden.

Ein Schwerpunkt der Ausrichtung des Faches Kunst an der BBS liegt auf der Verbindung von Kunst und Medien. Dazu hat die Fachschaft einen speziellen Kunst-Computer-Raum eingerichtet, in dem für je zwei SchülerInnen eines Kunstkurses mindestens ein Rechner mit professionellen Foto-, Grafik- und Multimedia-Programmen zur Verfügung steht. So wird der zunehmenden Medialisierung der bildenden Kunst und die Digitalisierung aller Bildbearbeitungsbereiche Rechnung getragen. Auch interessante, unkonventionelle Verknüpfungen zwischen klassischen künstlerischen Techniken und neuen Medien lassen sich so verwirklichen.
Genau da setzt auch ein über den normalen Kunst-Unterricht hinausreichendes Angebot an:
Die Video-AG; hier können Filme jeder Art auch mit längeren Produktionszeiten hergestellt werden: Dokumentarfilme, Spielfilme, Animationsfilme. Zur Produktion stehen Video-Kameras mit Zubehör, Audio-Recorder und Schnittplätze zur Verfügung.

Wichtig für das Verständnis von Kunst kann auch die konkrete Begegnung mit Künstlern sein. Diesem Zweck dient die interdisziplinäre Veranstaltungsreihe “Brecht Extra” , in der jeweils in einer Doppelstunde am Schul-Vormittag Persönlichkeiten aus Kunst und Kultur in der Schule vorgestellt werden. In loser Folge werden hier Künstler, Musiker, Schriftsteller, Schauspieler, Filmemacher und andere Kultur-Produzenten bzw. -Vermittler eingeladen, ihr Werk und ihre Arbeitsweise persönlich zu präsentieren und sich der Diskussion mit Schülerinnen und Schülern zu stellen. Die direkte Begegnung mit Werk und Künstler soll den Blick für zeitgenössiche Kultur jenseits des Mainstreams öffnen und als Erweiterung des schulischen Bildungskanons dienen. Die “Brecht Extra”- Veranstaltungen richten sich an die Schulgemeinde und auch an die interessierte Öffentlichkeit.